verballhornung

Jost Kaschube

Aufsätze zu politischen und theoretischen Themen

 

Weg mit Bortkiewicz - Marx hat recht

 

Zur abgründigen Verballhornung der grundlegenden theoretischen Konstruktion

im dritten Band des Kapital

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Marx hat behauptet, dass der Reichtum, soweit er nicht durch die Natur gegeben ist, aus der menschlichen Arbeit und nur aus der menschlichen Arbeit stammt. Das Geld als des Reichtums allgemeine Form ist im Grunde Arbeitszeit, ist die Verfügung über die Lebenszeit der Arbeiter. Zu letzteren gehören alle, die durch eigene Arbeit zum Wohl der Gesellschaft beitragen, und nicht durch die „Arbeit“ ihres Geldes. Soziologisch ist der Zusammenhang zwischen Arbeit und Reichtum alles andere als offenkundig, denn die meisten Arbeiter bleiben ihr Leben lang arm, wie sehr sich auch abrackern mögen. Andere mehren ihren Reichtum mühelos und leistungslos. Im Zeitraum von 2009 bis 2012 gingen in den USA 95 Prozent des zusätzlich geschaffenen Einkommens an das oberste eine Prozent der Bevölkerung. Dass Marx mit seiner Theorie auf den Widerspruch der Reichen und ihres intellektuellen Trosses stößt, dürfte nicht verwundern. Er hat drei dicke Bände des „Kapital“ voll geschrieben, um seine Theorie zu begründen und einen messbaren Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und Geld herzustellen. Vergleichsweise einfach hatte es der Professor Bortkiewicz, dem es gelang, diese Theorie mit einem unflotten Dreizeiler zu widerlegen; jedenfalls nahm er das für sich in Anspruch. Und die wissenschaftliche Gemeinschaft stimmt ihm weitgehend bis heute zu; ja, sie hat seine Ergebnisse ohne jeglichen Nachweis sogar noch verallgemeinert. Sieht man etwas gründlicher hin, so entpuppt sich dieser Widerspruch freilich als ein kapitaler Bluff. Bortkiewiczs Falsifizierungsversuch geht vollkommen daneben, und seine sogenannte Berichtigung ist mit der Marxschen Preistheorie gänzlich unvereinbar. Wir stellen zunächst möglichst knapp das Problem dar und begründen dann unseren Widerspruch.

 

Die Marxsche Wert-Preis-Transformation

 

Marx geht es im „Kapital“ darum, den quantitativen Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und Wert einerseits, sowie zwischen dem Wert und dem Preis der Waren andererseits zu beschreiben und somit eine Verbindung zwischen der Werttheorie im ersten und der Preistheorie im dritten Band seines Werkes herzustellen. Dieser Brückenschlag ist bekannt geworden als das Transformationsproblem. Die Schwierigkeit kommt daher, dass die Preisbildung der Waren anderen Gesetzen folgt als ihr Wert. Die Arbeit wirft wegen der unterschiedlichen technischen Zusammen-setzung der Produktivkräfte unterschiedliche Überschussraten und individuelle Profitraten ab. Das Kapital andererseits bemisst den Preis der Waren nach seinen Kosten und erwartet Profit mit gleicher Rate auf seine Kosten.

 

Das Lösungsprinzip, das Marx gefunden hat, ist verblüffend einfach. Die Produktionspreise kommen durch bloße Umverteilung der individuell produzierten Mehrwerte zustande, wobei die Gesamtsumme der Mehrwerte in den Gesamtprofit und die Totalität der Werte in die Totalität der Preise übergehen. Das ist im Prinzip das ganze Geheimnis. Das Rechenverfahren besteht darin, vom Wert jeder Ware den darin enthaltenen individuellen Mehrwert zu subtrahieren, um so die Produktionskosten der Kapitalisten zu bestimmen, und dann einen prozentualen Profit in Höhe der Durchschnittsprofitrate auf die Kosten aufzuschlagen. Schreibt man pi für die individuelle und p für die Durchschnittsprofitrate, κwi für die Produktionskosten der Ware wi und πwi für ihren Preis, so hat der Wert zunächst die Form wi=κwi+piκwi=(1+pi)κwi. Die Transformation macht auf dem beschriebenen Wege daraus den Preis πwi=κwi+pκwi=(1+p)κwi. Beim Übergang vom Wert wi zum Preis πwi der Ware werden offenbar die verschiedenen Profitraten pi der Produktionsbereiche durch die einheitliche Profitrate p und der individuelle Mehrwert piκwi durch den Durchschnittsprofit pκwi ersetzt. Wenn nun die Vereinheitlichung der Profitrate durch bloße Umverteilung von Mehrwert zustande kommt, dann muss die Summe der Profite gleich der Summe der Mehrwerte sein und Σpκwi=Σpiκwi gelten. Der einen Ware wird etwas Mehrwert abgezwackt und einer anderen zugeschustert. Außerdem stimmt dann notwendig die Summe der Preise aller Waren mit der Summe ihrer Werte überein, so dass Σπwi=Σwi gilt. Wir werden die beiden letzten Formeln als Invarianzprinzipien oder als Summensätze bezeichnen. Es gilt also der Satz: Wenn die Produktionspreise der Waren durch bloße Umverteilung der Mehrwerte zustande kommen, dann sind beide Summensätze erfüllt. In diesem Sinne, sagt Marx, reguliert das Wertgesetz die Preise.

 

Marx hat schließlich im Band III, Kapitel 9 an einem einfachen Modell auch rechnerisch vorgeführt, wie der Ausgleich der Profitraten bei der Preisbildung vor sich geht, wenn die Werte der Produktionsmittel gegeben sind. Zwecks Anwendung seines Verfahrens setzt er eine Reihe von Warenkapitalen voraus, die dem Werte nach mit verschiedenen Profitraten produziert werden. Er errechnet zunächst ihre Durchschnittsprofitrate. Sodann bestimmt er die kapitalistischen Kostpreise der einzelnen Warenkapitale, indem er von ihrem Wert den individuell erzielten Mehrwert abzieht. Schließlich addiert er auf diese Kosten einen prozentualen Aufschlag in Höhe der Durchschnittsprofitrate, ganz wie das Preisgesetz es befiehlt, und schon sind die Produktionspreise der Warenkapitale fertig.

 

Aus dem Marxschen Verfahren geht klar hervor, dass es sich dabei um eine bloße Umverteilung des Mehrwerts handelt, insofern die Gesamtmasse des Mehrwerts unverändert bleibt. Der umverteilte Mehrwert heißt dann Profit. Es geht daraus ferner hervor, dass die individuellen Kosten unverändert bleiben, so dass auch die Kostensumme dieselbe bleibt. Da nun der Preis der Ware die Summe aus Kosten und Profit und ihr Wert die Summe aus Kosten und Mehrwert, und der Gesamtmehrwert bei der Preisbildung zum Gesamtprofit wird, ist notwendigerweise die Summe der Warenpreise gleich der Summe ihrer Werte. Der Ausgleich der Profitraten vermittelst der Produktionspreise vollzieht sich auf der Grundlage des Wertgesetzes, hat Engels treffend dazu gesagt.

 

Kritik am Marxschen Verfahren

 

Eine Theorie gilt als bewiesen, sobald sie in einem Modell bestätigt werden kann, das alle ihre Voraussetzungen erfüllt. Die Marxsche Theorie, wonach der Ausgleich der Profitraten durch die Produktionspreise auf der Grundlage des Wertgesetzes zustande kommt, ist für das Gedankenmodell bewiesen. Dabei handelt es sich freilich nur um einen Spezialfall. Daher ist die Theorie noch nicht allgemein gültig bewiesen. Der Beweis ist in dreifacher Hinsicht unvollständig. Zum ersten insofern, als nur die Preise für die Warenkapitale insgesamt bestimmt werden, nicht aber für die einzelnen Waren, aus denen sie sich jeweils zusammensetzen. Zum zweiten hat er den Mangel, dass er zwar zeigt, wie die Preise der Waren produzierenden Kapitale berechnet werden, nicht aber, wie sie in der Wirklichkeit entstehen können. In dem Modell von Marx werden die Produktionspreise nur zum Zwecke der Vereinigung der Kapitale gebildet, sie kommen daher nur durch einen Willensakt der Kapitalisten zustande. Es ist aber kein Mechanismus zu erkennen, der die Vereinheitlichung der Profitraten von sich aus durchsetzt und den die Wert-Preis-Transformation rechnerisch nur nachzuvollziehen hat. Marx selbst hat gesagt, dass es die Konkurrenz der Kapitale ist, die die Produktionspreise hervorbringt. Sein Modell bildet allerdings die Konkurrenz nicht ab, sondern hebt sie umgekehrt sogar auf. Da die Ursache für den Ausgleich der Profitraten also nicht durch das System der konkurrierenden Kapitale gesetzt, sondern von außen aufoktroyiert wird, kann der Ausgleich der verschiedenen individuellen Profitraten als willkürlich erscheinen. Drittens kann man bemängeln, dass das Preismodell weder rekursiv ist, noch Auskunft darüber gibt, wie sich die Preise im weiteren Verlauf entwickeln. Von einer vollständigen Lösung des Problems kann man auch das erwarten. Marx hat sich auf die wesentlichen Hinweise beschränkt, was bei der weiteren Preisentwicklung zu beachten ist. Aus den genannten drei Gründen kann der Marxsche Beweis unvollständig erscheinen. Diese Kritik betrifft allerdings weder das Lösungsprinzip, dass sich die Preise allein durch Umverteilung des Mehrwerts bilden, noch das Verfahren, wonach der im Wert der Ware enthaltene Mehrwert mit der individuellen Rate durch den Profit mit der allgemeine Rate zu ersetzt wird.

 

Die wissenschaftliche Kritik hat sich freilich wenig dafür interessiert, die Unzulänglichkeiten der Marxschen Beweisführung durch die notwendigen Ergänzungen zu beheben, sondern vorzüglich ihr rein destruktives Interesse bewiesen. Die Behauptung von Marx, dass die Preise durch die notwendige Arbeitszeit reguliert sind, liegt der bürgerlichen Wissenschaft schwer im Magen. Sie bedeutet im Wesentlichen, dass die Ungleichheit der Einkommen in erster bis zehnter Linie nicht das Ergebnis von ungleicher Arbeitsleistung, sondern das Resultat der Distribution der Produktionsmittel auf die Produzenten und somit die Folge der ungleichen Eigentumsverhältnisse ist. Die Leute, die eh schon fast alles besitzen, eigenen sich allein auf Grund ihrer Eigentumstitel an den Produktionsmitteln allen Überschuss der Produktion über das Lebensnotwendige für die Arbeiter an. Das nehmen die Nutznießer der Eigentumsordnung zwar gern in Anspruch, aber sie hören nicht gern, dass klar gesagt wird, wie es ist.

 

Die etablierte Wissenschaft hat sich daher von Anfang an gegen die These von der Regulierung der Preise durch das Wertgesetz gerichtet. Böhm-Bawerk hat aus dem hohlen Bauch verkündet, dass entweder das „Marxsche Wertgesetz oder die Preisbildung der Wirklichkeit“ falsch sei. Eine einheitliche Durchschnittsprofitrate könne sich nur bilden, wenn das Wertgesetz nicht gilt. Er hat dann weiter behauptet, dass es einen Widerspruch zwischen der Werttheorie im ersten und der Preistheorie im dritten Band des ‚Kapital’ gibt, weshalb die Marxsche Theorie insgesamt inkonsistent sei. Ein allgemein gültiger Beweis dieser Thesen konnte schon deshalb nicht gelingen, weil die Marxsche Modellrechnung offenbar vollkommen korrekt ist und ganz offensichtlich beides unter einen Hut bringt, eine einheitliche Profitrate und das Wertgesetz. Man musste daher einen anderen Weg einschlagen. Hier hat sich Bortkiewicz verdient gemacht.

 

Bortkiewiczs Kritik und Remedur

 

Ladislaus von Bortkiewicz hat anno 1907 eine Schrift unter dem Titel „Berichtigung der grundlegenden theoretischen Konstruktion im dritten Band des Kapital“ veröffentlicht. In der Schrift behauptet Bortkiewicz erstens, dass Marx mit seinem Verfahren zur Wert-Preis-Transformation die Produktionskosten systematisch falsch bestimmt hat. Dieser Vorwurf ist unter dem Titel des Kostpreisirrtums in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen. Zum zweiten zeigt Bortkiewicz an Hand eines Beispiels auf, dass Produktionspreise auf Grund dieses Kostpreisirrtums die Reproduktionsbedingungen verletzen können. Damit habe sich seiner Ansicht nach das Marxsche Verfahren disqualifiziert. Drittens stellt Bortkiewicz darin seinen eigenen, angeblich korrekten Weg zur Bestimmung von Produktionspreisen vor.

 

Wir gehen kurz auf die ersten beiden Punkte ein. Wir haben dargelegt, dass Marx sein Verfahren nur an einem speziellen Modell verifiziert hat. Bortkiewicz behauptet nun, dass das Verfahren nicht verallgemeinert werden kann. Um seine These zu beweisen, hat er ein allgemeines ökonomisches Modell zugrunde gelegt, das sich durch Tausch zu gleichen Werten reproduzieren kann, und hat darauf das Marxsche Verfahren angewendet. Er ist dabei formal exakt, ja geradezu buchstabengetreu, nach dem Marxschen Muster im Gedankenmodell vorgegangen. Er hat zunächst die Kostpreise der Warenkapitale bestimmt, dann die allgemeine Profitrate und schließlich aus beidem die Produktionspreise berechnet. Am Ende stellt er fest, dass die so gebildeten Preise in seinem Modell die Reproduktionsbedingungen nicht erfüllen. Er folgert daraus, dass die Weise, wie Marx die Kostpreise bildet, zu Widersprüchen führt. Die Ursache daran sei, dass Marx die Kostpreise der Produktionsmittel durch deren Werte ausgedrückt habe, statt sogleich durch eben die Preise, die es zu bestimmen gilt. Die Ursache sei eben der Kostpreisirrtum. Das Marxsche Verfahren sei daher nicht allgemein gültig.

 

Das besagte Gegenbeispiel hat Bortkiewicz berühmt gemacht und wird bis heute erfolgreich gegen die Marxsche Preistheorie ins Feld geführt. Quaas behauptet, dass diese Theorie in der Form, wie sie im dritten Band vom „Kapital“ dargelegt ist, widersprüchlich sei, und M. Heinrich sekundiert in seiner „Wissenschaft vom Wert“, dass sie mittlerweile als erledigt gilt. Aber das ist alles Blech. Das Gegenbeispiel von Bortkiewicz geht von der Annahme aus, dass Marx in seinem Verfahren die Kosten falsch bestimmt. Er habe es fälschlicherweise unterlassen, die Werte der konstanten und variablen Elemente der Kapitale in Preise zu transformieren. Wir haben freilich nachgewiesen, dass dieser vermeintliche Kostpreisirrtum seinerseits nur ein Hirngespinst der Marx Kritiker ist. Da Bortkiewicz also falsche Voraussetzungen macht, geht sein Falsifizierungsversuch des Marxschen Verfahrens zwangsläufig voll in die Hose. Das Marxsche Verfahren bleibt dabei freilich vollkommen unbefleckt. Die beiden ersten Thesen des Aufsatzes von Bortkiewicz, der Vorwurf des Kostpreisirrtums und die Behauptung der Inkonsistenz der Preistheorie gehören daher auf den Abtritt der Wirtschaftswissenschaft. Mehr dazu unter (K1). Wir wenden uns nun dem dritten Thema in der Schrift von Bortkiewicz zu, nämlich seinem eigenen Transformationsverfahren.

 

Die Bortkiewicz Transformation

 

Bortkiewicz behauptet, dass das Marxsche Verfahren zur Transformation der Warenwerte in Preise fehlerhaft sei, dass er aber wisse, wie es richtig geht. Der preußische Professor gilt in der Tat als der erste, der das Problem gelöst hat. In der Literatur dominiere die Annahme, schreibt F. Quaas 1991, dass Ladislaus von Bortkiewicz „als erstem Theoretiker eine korrekte Methode zur Transformation von Werten in Produktionspreise und damit erstmalig eine grundlegende Berichtigung der fehlerbehafteten Marxschen Vorgehensweise gelungen ist.“ (Q140) B. Schefold lobt Bortkiewicz in seiner Einführung (2004) zur MEGA über den Klee, weil er den einen der „beiden einzigen analytisch bedeutenden Beiträge zum Transformationsproblem“ und den „folgenreichsten“ zumal verfasst habe. M. Heinrich bekräftigt diese Urteile noch unbeirrt 2006 in seiner „Wissenschaft vom Wert“: „Bortkiewicz (1907) gab als erster eine Methode an, mit der Produktionspreise und die Durchschnittsprofitrate ‚korrekt’ berechnet werden können.“ Er habe „gezeigt, dass sich Produktionspreise und Durchschnittsprofitrate aus einem gegebenen Wertsystem herleiten lassen.“ (H270f) F. Quaas, die gern besonders forsch auftritt, gerät bei seiner Würdigung geradezu ins Schwärmen: „Mit dieser Leistung, die weithin bekannt wurde, ist Bortkiewicz als der Vater einer neuen Etappe in der Geschichte der Diskussion des Transformationsproblems bekannt geworden.“ (Q65) Sie hat sich im Weiteren sogar dazu verstiegen, das Ende der Debatte über das Transformationsproblem einzufordern, weil kein wesentlich neues Resultat mehr zu erwarten sei. (Q142)

 

Quaas streicht zwei Punkte besonders heraus, in denen sie die eigentliche Bedeutung der Schrift von Bortkiewicz erkennt. Zum ersten erschöpfe sie sich nicht in kleinlichem Monieren von Fehlern, sondern schwinge sich zu einer fundamentalen Kritik der Marxschen Gedanken auf. Zum anderen wird sie nicht müde zu versichern, dass Bortkiewicz seine Kritik an Marx als eine immanente vorgetragen habe. Bortkiewicz’s Ansatz stehe in keinem einzigen Punkt im Widerspruch zu Marx’ Intentionen, er berichtige dessen „Fehler von Grund auf, ohne den Rahmen der Marxschen Theorie zu verlassen oder unerlaubt auszuweiten.“ Quaas behauptet felsenfest, dass Bortkiewicz das Problem gelöst hat, das Marx gestellt hat, mit dem Unterschied freilich, dass ersterer „bei seinem Versuch des Nachweises einer konsistenten mathematischen Ableitung der Preise aus den Werten erfolgreicher war als Marx, der in diesem Punkt gründlich gescheitert war.“ (Q56)

 

Ganz so einfach kann man es sich freilich nicht machen. Denn Marx hat erklärtermaßen eine Lösung durch bloße Umverteilung des Mehrwerts und auf der Grundlage des Wertgesetztes gesucht. Die Summe der Preise müsse gleich der Summe aller Warenwerte sein, und der Gesamtprofit müsse mit dem Gesamtmehrwert übereinstimmen. Bortkiewicz aber hat eine Lösung angegeben, die das Wertgesetz nicht erfüllt. Normalerweise würde man sagen, Thema verfehlt, setzen, 6! Aber Quaas weiß ihrem Schützling zu helfen und aus der Not eine Tugend zu machen. Kurzer Hand erklärt sie zum einen die Forderung von Marx zu einer unkritischen Vorausaussetzung und behauptet zum anderen, dass es gar nicht möglich sei, die Warenwerte so in Preise zu transformieren, dass beide Summensätze erfüllt werden.

 

Der Stand der Dinge aus wissenschaftlicher Sicht ist somit im Wesentlichen der folgende: Das Marxsche Verfahren der Wert-Preis-Transformation zum ersten ist fehlerhaft, die Kostpreise werden systematisch falsch berechnet, so dass es zu einer Verletzung der Reproduktionsbedingungen kommen kann. Zum anderen hat Bortkiewicz eine korrekte Lösung gefunden. Die damit konstruierten Preise erfüllen das Preisgesetz mit einer einheitlichen Profitrate und die Reproduktionsbedingungen. Drittens wird der Eindruck erweckt, als ob Bortkiewicz dasselbe Problem gelöst habe, an dem Marx gescheitert, insofern er nur notwendige Korrekturen am Verfahren durchgeführt habe. Und aus der Tatsache, dass seine Preise das Wertgesetz nicht erfüllen, folgert man viertens, dass eine konsistente Preisbildung auf der Grundlage des Wertgesetzes gar nicht möglich ist.

 

Wir werden nun erstens prüfen, ob Bortkiewiczs Methode der Preisbildung konsistent ist in dem Sinne, dass sich jedes ökonomische System, das sich beim Tausch zu gleichen Werten reproduziert, mit Hilfe eben dieser Preise reproduzieren kann. Und zweitens klären, ob Bortkiewiczs Schema als Berichtigung der grundlegenden theoretischen Konstruktion von Marx im dritten Band des Kapital angesehen werden kann und inwieweit die von Quaas verfochtene These gilt, wonach das Verfahren von Bortkiewicz in keinem einzigen Punkt im Widerspruch zu den Intentionen von Marx steht, insbesondere ob seine Preise durch bloße Umverteilung des Mehrwerts zustande kommen.

 

Das Wertschema von Bortkiewicz

 

Das Reproduktionsschema von Bortkiewicz besteht aus drei Abteilungen, von denen die erste nur Produktionsmittel ci, die zweite nur Lebensmittel vi und die dritte die Luxusgüter mi produziert. Jede Abteilung wird durch eine Gleichung repräsentiert. Links stehen die verbrauchten Produktionsmittel, rechts die erzeugten Güter. Links steht mi für die Menge der zugesetzten Arbeitskraft, rechts für ihr Ergebnis.

 

c1+v1+m1=c1+c2+c3,


c2+v2+m2=v1+v2+v3,


c3+v3+m3=m1+m2+m3.

Wertsystem BS

 

Alle Posten in dem Schema sind durch ihre Arbeitswerte dargestellt. Bortkiewicz setzt voraus, dass die Summen dieser Arbeitswerte auf beiden Seiten jeder Gleichung gleich sind. Daher und weil die Abteilung 1 die Mittel c1 nur zum eigenen Verbrauch reproduziert, ist v1+m1=c2+c3, so dass sie im Austausch gegen ihre Waren c2 und c3 ihre verbrauchten Produktionsmittel v1 zurückkaufen kann und Luxuswaren in demselben Wert, den die Arbeitskraft m1 geschaffen hat. Entsprechendes gilt für die übrigen Abteilungen. Auf diese Weise kann sich das ganze System durch Tausch zu gleichen Warenwerten reproduzieren.

 

Man kann das Modell insofern als allgemeingültig betrachten, als darin für jede der drei Produktkategorien Produktionsmittel, Lebensmittel und Luxuswaren zumindest ein Produzent vorkommt, und insofern es einen Markt voraussetzt, auf dem sich jeder Produzent produktive Elemente besorgt. Wir bezeichnen das Produkt der Abteilung i mit dem Symbol wi, so dass w1={c1, c2, c3}, w2={v1, v2, v3} und w3={m1, m2, m3}, das gesamte System aber mit Wertsystem BS. Es nimmt dann die Kurzform ci+vi+mi=wi an, in der jede Warenmenge wi dargestellt ist durch die Summe der verbrauchten Produktionsmittel. Das System BS sieht formal genauso aus, wie das Marxsche Gedankenmodell.

 

Die Preisbildung

 

Bortkiewicz unterstellt dann, dass sein Produktionsmodell unter kapitalistische Regie gerät, so dass jede Abteilung für ein oder mehrere separate Kapitale arbeitet. Zu diesem Zweck erklärt er alle Produktionsmittel ci zu konstantem Kapital, alle Lebensmittel vi zu variablem Kapital und die Luxuswaren mi zu Mehrwert. So einfach geht das bei einem Professor seines Kalibers. Dann schickt er sich an, die Preise der Produkte zu bestimmen. Dabei wendet er formal dieselbe Preisregel an wie Marx. Er berechnet die Kosten κwi und die allgemeine Profitrate r und multipliziert die Kosten mit dem Faktor (1+r) für den Profitaufschlag auf die Kosten. Fertig sind die Produktionspreise πwi=(1+r)κwi. Technisch geht Bortkiewicz so vor, dass er die Elemente des Warenkapitals mit gewissen Faktoren multipliziert, um sie in Preise zu verwandeln. Zu diesem Zweck definiert er mittlere Preis-Wert-Relationen. Das Verhältnis des Gesamtpreises der Produktionsmittel πC:C zu ihrem Wert C bezeichnet er mit x. Analog setzt er πV:V=y für die Lebensmittel und πM:M=z für die Luxusartikel. Seine Wert-Preis-Transformation besteht dann darin, dass er die Warenwerte ci der ersten Abteilung sämtlich mit x multipliziert, die der zweiten mit y und der dritten mit z, um ihre Produktionspreise zu erhalten. Die eigentliche Wert-Preis-Transformation von Bortkiewicz ist daher definiert durch die drei Gleichungen πci=xci, πvi=yvi und πmi=zmi.

 

Die Preis-Wert-Relationen x, y und z stehen zunächst für unbestimmte Zahlen. Um diese zu berechnen, stellt Bortkiewicz ein System von linearen Gleichungen auf, die den rechnerischen Zusammenhang zwischen den Inputpreisen und den Outputpreisen des Produktionsprozesses beschreiben.

 

(1+r)(c1x+v1y)=Cx mit C=c1+c2+c3,

(1+r)(c2x+v2y)=Vy mit V=v1+v2+v3,

(1+r)(c3x+v3y)=Mz mit M=m1+m2+m3.

Preissystem BS

 

Demzufolge betragen die Kosten der Produktion xci+yvi in Preisen. Der Gesamtwert des konstanten Kapitals C=c1+c2+c3 wird in Cx transformiert, das gesamte variable Kapital V=v1+v2+v3 in Vy. Die Kosten summieren sich insgesamt zu κW=Cx+Vy. Der Gesamtwert der zugesetzten Arbeit M=m1+m2+m3 wird zum Mehrwert μW erklärt und geht in den Profit Mz über. Bortkiewicz setzt dann noch z=1, so dass μW=M. Schließlich definiert er noch die Mehrwertraten durch σ=mi/vi und die organischen Zusammensetzungen der Kapitale durch ρi=ci/vi. Im übrigen besagen die Gleichungen, dass man die Preissumme der Produkte je Abteilung auf den rechten Seiten erhält, wenn man ihre Produktionskosten links mit 1+r multipliziert.

Formal verfährt Bortkiewicz soweit genau wie Marx. Beide stellen die Warenkapitale dar als Summe aus konstantem und variablem Kapital und dem Mehrwert, beide subtrahieren den individuellen Mehrwert und erhalten eine Darstellung der Kosten als Summe aus konstantem und variablem Kapital. Beide schlagen alsdann den Profit mit einheitlicher Rate auf die Kosten. Dann gehen die Methoden auseinander.

 

Die Unterschiede

 

Die Werte der Warenkapitale seien durch die Summe wi=ci+vi+mi, worin ci für das konstante, vi für das variable Kapital stehen und mi für den Mehrwert stehen. Die Kosten der Produktion sind dann Marx zufolge generell durch die Menge des vorgeschossenen Kapitals gegeben. Da die Waren bei der Wert-Preis-Transformation eingangs noch keine Preise haben, setzt er die Kosten gleich der Summe der Werte der vorgeschossenen konstanten und variablen Kapitale fest. Es ist also κwi=ci+vi. Seine Wert-Preis-Transformation ist dann durch den Übergang wi=(1+ri)κwi → πwi=(1+r)κwi beschrieben. Wenn darin r=Σriκwi/Σκwi gesetzt wird, dann erfolgt die Verwandlung auf der Grundlage des Wertgesetzes.

Bortkiewicz verwirft dieses Verfahren. Die Kosten dürften erstens nicht durch die Werte der Produktionsmittel ausgedrückt werden, weil sonst in verallgemeinerten ökonomischen Modellen die Reproduktionsbedingungen verletzt werden können. Um das zu vermeiden, sei es notwendig, die Kosten von Anbeginn in Preisen auszudrücken. Bortkiewicz ersetzt also erstens vorsätzlich den Wertausdruck der Kosten κwi=ci+vi durch deren Preisform xci+yvi. Quaas verdeutlicht uns sein Vorgehen. Ein wesentlicher Unterschied bestehe darin, „dass die Bestandteile des Kostpreises, die konstanten und variablen Kapitalteile also, mittransformiert werden …, während sie bei Marx identisch bleiben.“

Bortkiewicz fordert zweitens, dass die Outputpreise der Transformation mit den Inputpreisen übereinstimmen. Diese Forderung ergibt sich mehr oder weniger zwangsläufig aus dem Umstand, dass Bortkiewicz die Kostpreise nicht unmittelbar aus den Warenwerte berechnen will. Denn da nun sowohl die Inputpreise als auch die Outputpreise zu bestimmen sind, muss man eine zusätzliche Voraussetzung bereitstellen, um überhaupt eine Lösung zu ermöglichen. Dadurch aber verliert der Lösungsansatz von Bortkiewicz gerade das, was ihn zunächst ausgezeichnet hat, nämlich seine Allgemeinheit. Auf Grund der Zusatzbedingung kann er, genau wie Marx, wiederum nur eine spezielle Lösung erwarten.

Und es gibt noch einen dritten Unterschied. Marx hat die Anforderung gestellt, dass die Wert-Preis-Transformation durch bloße Umverteilung des Mehrwerts zustande kommt. Diese Forderung, das Herzstück der Wert-Preis-Transformation, hat Bortkiewicz der Einfachheit halber unter den Tisch fallen lassen bzw. durch die wesentlich schwächere Forderung ersetzt, dass der Profit Mz und der Mehrwert M quantitativ gleich sind, dass also Mz=M. Bortkiewicz hat Umverteilung durch Verteilung ersetzt. Diese Forderung ist insofern schwächer, als nichts über den Ursprung dessen gesagt ist, was da als Profit verteilt wird, auch wenn es der Menge nach gleich dem Gesamtmehrwert ist.

 

Bortkiewicz fordert, dass die Kosten durch die Preise der Produktionsmittel auszudrücken sind. Insofern er damit das Marxsche Verfahren für falsch erklärt und die Absicht verfolgt, es zu berichtigen, müssen wir ihm widersprechen. Der sogenannte Kostpreisirrtum, den er Marx anzuhängen versucht, ist ein Hirngespinst. Wir haben das an anderer Stelle ausführlich erörtert. (K1) Das Marxsche Verfahren bedarf keiner Korrektur, allenfalls einer Anpassung an allgemeinere Bedingungen, als sie in seinem Gedankenmodell vorliegen.

Insofern Bortkiewicz andererseits zum Ausdruck bringt, dass die Produktionsmittel auch mit ihren Preisen in die Kosten eingerechnet werden können, rennt er nur offene Türen ein. Vom Marxschen Standpunkt aus ist es Jacke wie Hose, ob der Input im Wert oder im Preismaß gemessen wird. Das Marxsche Verfahren kann sowohl die Werte der Waren in Preise umrechnen, als auch beliebige Inputpreise in Outputpreise. Marx geht zwar in seinem Gedankenmodell davon aus, dass die Produktionsmittel bei Beginn der Transformation mit ihren Werten vorliegen, weil sie entweder zu ihren Werten gekauft oder weil ihre Herstellungskosten durch ihre Arbeitswerte abgeschätzt werden. Aber nach der ursprünglichen Transformation der Warenwerte in Produktionspreise werden die Waren zu diesen Preisen gehandelt. Die gekauften Waren gehen infolgedessen von nun an mit ihren Preisen in die Kosten ein. Kurz gesagt, wenn der Wert des Warenkapitals durch konstantes Kapital c, variables Kapital v und den Mehrwert in der Form w=c+v+m dargestellt ist, dann sind die Kosten c+v, wenn die Kosten dagegen dargestellt sind durch πw=πc+πv+πm, dann machen die Kosten πc+πv aus.

Die Forderung von Bortkiewicz, dass die Warenpreise aus den Preisen xci+yvi der Produktionsmittel anstatt aus deren Werten ci+vi zu berechnen sind, widerspricht dem Marxschen Verfahren daher nicht prinzipiell, sondern nur seiner Anwendung in einem bestimmten Fall, bei der ursprünglichen Wert-Preis-Transformation nämlich.

 

Die Bortkiewicz Preise verletzen das Wertgesetz

 

Wenden wir uns nun dem Thema Wertgesetz zu. Dabei geht es um die Vereinbarkeit von Preisgesetz und Wertgesetz. Marx hat behauptet, der Ausgleich der Profitraten kommt durch bloße Umverteilung des Mehrwerts innerhalb der Kapitalistenklasse zustande. Die allgemeine Profitrate bilde sich daher „nicht nur ohne Verletzung des Wertgesetzes, sondern vielmehr auf der Grundlage desselben.“ Marx hat einen Lösungsweg für das Transformationsproblem auf der Basis des Wertgesetzes angegeben, aber nur für einen Spezialfall bewiesen. Bortkiewicz hat einen allgemeinen Ansatz gewählt, aber die Preise, die er berechnet, verletzen nun das Wertgesetz. Er bestätigt damit ein altes Vorurteil der bürgerlichen Wissenschaft gegen die Marxsche Werttheorie. Eine einheitliche Durchschnittsprofitrate könne sich nur bilden, wenn und weil das angebliche Wertgesetz von Marx nicht gilt. Man brachte die Ablehnung auf die lapidare Formel, entweder das Marxsche Wertgesetz oder das Preisgesetz der Wirklichkeit ist falsch. Mühlpfort und Bortkiewicz waren nur die ersten, denen es gelang, dem Widerspruch mit einem formalen Kalkül einen Schein von Wissenschaftlichkeit zu verleihen.

 

Da es sich bei dem Gedankenmodell von Marx nur um einen Sonderfall eines ökonomischen Reproduktionssystems handelt, ist einerseits klar, dass das Wertgesetz nicht notwendig gilt, wenn man ein verallgemeinertes ökonomisches Modell zugrunde legt. Andererseits folgt aus der Verletzung des Wertgesetzes durch die Preise von Bortkiewicz nicht, dass das Wertgesetz überhaupt nicht vereinbar ist mit dem Preisgesetz. Die Marx Kritik, die im Großen und Ganzen den Anspruch von Bortkiewicz anerkennt, dass sein Verfahren eine „Berichtigung der grundlegenden theoretischen Konstruktion im dritten Band des Kapital“ von Marx darstellt, hat aber auf Grund der Tatsache, dass dieses Schema das Wertgesetz verletzt, weitgehende Konsequenzen über das Verhältnis zwischen der Werttheorie und der Preistheorie im Allgemeinen gezogen. Es wird nun behauptet, dass es überhaupt keine Lösung des Transformationsproblems auf der Grundlage des Wertgesetzes gibt. Insbesondere F. Quaas verficht diese These mit rückhaltloser Entschiedenheit. Quaas erkennt zum einen an, dass im Gedankenmodell das Wertgesetz notwendig erfüllt ist. Am Ende ihres Buches aber trompetet sie hinaus, dass „die von Marx behaupteten Theoreme Wertsumme gleich Preissumme und Mehrwertsumme gleich Profitsumme - außer in wenig relevanten Spezialfällen - bei einer konsistenten Transformationsmethode nicht gleichzeitig gültig (sind). Eine genauere Analyse der Marxschen Methode zeigt, dass jene Sätze nicht als Resultat, sondern als unkritisch akzeptierte Prämissen seiner Theorie betrachtet werden müssen.“ (Q140) (Den Hammer mit den „unkritisch akzeptierten Prämissen“ habe ich selbst kursiv gesetzt.) Wir werden sogleich beweisen, dass diese Behauptung völlig unqualifiziert ist. Jedenfalls kann man sie mit traditioneller Logik nicht aus der Tatsache folgern, dass die Bortkiewicz Transformation das Wertgesetz verletzt.

 

Um die Behauptung aufrechtzuerhalten, dass die beiden Summensätze bei einer konsistenten Transformation nicht gleichzeitig gelten können, muss man entweder beweisen, dass alle konsistenten Transformationen, die das Preisgesetz erfüllen, das Wertgesetz verletzen oder, gleichwertig, dass das Verfahren von Bortkiewicz das einzige ist, das konsistent und mit dem Preisgesetz verträglich ist. Das erstere ist bisher nicht geleistet worden, das letztere aber ist offensichtlich nicht richtig, denn Bortkiewicz fordert ja zusätzlich, dass die Output- und Inputpreise gleich sind, wofür es keine Notwendigkeit gibt, so dass auch seine Lösung, wie die von Marx, allenfalls eine spezielle Lösung des Problems abgibt.

 

Preisgesetz und Wertgesetz sind vereinbar

 

Wir zeigen umgekehrt: Wenn die Vereinheitlichung der Profitraten durch bloße Umverteilung des Mehrwerts zustande kommt, dann gilt das Wertgesetz, so dass die Preise die beiden Summensätze erfüllen. Wenn daher die Bortkiewicz Preise zwar das Preisgesetz erfüllen, aber das Wertgesetz verletzen, dann folgt daraus, dass Bortkiewiczs Verfahren die Vereinheitlichung der Profitrate eben nicht durch bloße Umverteilung des Mehrwerts erzielt, wie es die Intention von Marx war.

 

Richtig ist zunächst, dass sich das Wertgesetz und das Preisgesetz in gewisser Weise tatsächlich widersprechen. Man kann aber ebenso leicht beweisen, dass sich dieser Widerspruch durch Umverteilung des Mehrwerts aufheben lässt, wie Marx behauptet hat. Das Wertgesetz besagt zunächst, dass der Wert einer Ware keine sachliche Eigenschaft derselben bezeichnet, sondern dass eine Ware nur Wert hat, insofern ihre Herstellung menschliche Arbeit gekostet hat oder insofern ihre Reproduktion Arbeit kostet. Demnach ist der Wert seiner Qualität nach faktische oder hypothetische Verausgabung von Arbeitskraft oder Arbeitsleistung. Und das Maß des Wertes einer Ware ist die durchschnittlich zu ihrer Herstellung erforderliche Arbeitszeit. Marx behauptet nun mit seinem Wertgesetz insbesondere, dass Kapital nur Wert bildet, insofern es Arbeitskraft bewegt. Wenn umgekehrt „die aufgehäufte Arbeit Wert bildend neben der lebendigen (ist), dann gilt das Wertgesetz nicht“, hat Engels hervorgehoben. Neuwert und Mehrwert insbesondere kommen also nur aus dem variablen Teil des Kapitals, nicht aus dem konstanten.

Wenn aber der Neuwert und der Mehrwert dem Wertgesetz zufolge nur aus der lebendigen Arbeit stammen, dann ist erstens die Unterscheidung von variablem und konstanten Kapital sehr wichtig. Und zweitens erzielt dem Wertgesetz zufolge von zwei Kapitalisten, die dieselbe Anzahl Lohnarbeiter auf verschieden große konstante Kapitale ansetzen, derjenige rein rechnerisch die höhere Profitrate, der das kleinere konstante Kapital einbringt. Dem aber widerspricht die Weise, wie die Kapitalisten ihre Preise bilden. Dem Preisgesetz zufolge schlägt nämlich jeder Kapitalist den Profit auf seine gesamten Kosten, und die bestehen eben nicht nur aus Lohn, sondern aus variablem und konstantem Kapital. Da also der Kapitalist den Profit auf die Gesamtkosten bezieht, muss es so scheinen, als ob ihm der Profit gleichmäßig aus dem gesamten Kapital zuwächst. Und da haben wir denn den Widerspruch: Wenn das Wertgesetz gilt, dann kommt der Mehrwert nur aus der lebendigen Arbeit, und wenn das Preisgesetz gilt, dann kommt der Profit sowohl aus der lebendigen als auch aus der angehäuften Arbeit.

Die Frage ist nun, ob und inwieweit der Widerspruch zwischen Wertgesetz und Preisgesetz in der Wirklichkeit gelöst wird. Marx behauptet, dass der Widerspruch durch bloße Umverteilung der Mehrwerte gelöst wird, während die Kosten unverändert bleiben. In der Praxis kommt das zustande, weil es die Einzelkapitale stets dorthin zieht, wo sie individuell die höchsten Profitraten realisieren können. Als Ergebnis der Fluktuation der Kapitale nivellieren sich dann freilich die Profitraten entgegen ihrer individuell verfolgten Einsatzstrategie. Vermittelt wird der Ausgleich durch die Produktionspreise, die mit einer tendenziell einheitlichen prozentualen Rate auf die Kosten gebildet werden statt mit den verschiedenen individuellen. Die Preise transportieren den Anspruch auf die Erstattung der Kosten und den Durchschnittsprofit. Wenn letzterer realisiert wird, erbringt die eine Ware etwas mehr Profit als sie Mehrwert aus der Produktion in sich vereint hat, während andere zum Ausgleich etwas weniger liefern. Dem Kapital, das den höheren Mehrwert macht, weil es relativ viel Lohnarbeit anwendet, wird per Saldo ein Teil davon entzogen zugunsten der Kapitale, die weniger Lohnarbeit relativ zum konstanten Kapital einsetzen und dafür in der Regel produktiver sind. Es wird also zum einen Mehrwert umverteilt. Zum anderen werden die Kosten jeweils voll erstattet, so dass auch nur Mehrwert umverteilt wird. Die Manövriermasse, die zum Ausgleich der individuellen Profitraten dient, besteht ausschließlich aus der unbezahlten Arbeit, die sich die Kapitalisten als Klasse aneignen. Der Widerspruch zwischen dem Wertgesetz und dem Preisgesetz wird also durch die Produktionspreise solidarisch innerhalb Kapitalistenklasse gelöst.

 

Wenn also der Ausgleich der Profitraten durch bloße Umverteilung des Mehrwerts zustande kommt und durch die Produktionspreise vermittelt wird, dann gilt das Wertgesetz im Preissystem erstens weiterhin in qualitativer Hinsicht. Der Preis einer Ware ist seiner Qualität nach immer noch dasselbe wie ihr Warenwert, er ist menschliche Arbeitsleistung oder Verausgabung menschlicher Arbeitskraft. Zweitens unterscheidet sich dann der Preis einer Ware zwar in der Regel in quantitativer Hinsicht von ihrem Wert, weshalb Marx ihn treffend als modifizierten Warenwert bezeichnet, aber diese Änderung ist begrenzt. Denn der Kostenanteil des Warenwertes geht unverändert in den Preis ein, so dass der Besitzstand der Kapitalisten erhalten bleibt. Geändert wird durch die Transformation höchstens der Wertanteil, der aus unbezahlter Arbeit rührt. Das Privateigentum wird also zunächst durch die Produktionspreise und erst dann durch den entsprechenden Artikel des GG Grundgesetzes geschützt.

 

Wenn der Ausgleich der Profitraten noch immer durch bloße Umverteilung des Mehrwerts zustande kommt, dann folgt daraus zum dritten unmittelbar, dass Profit seiner Natur nach umverteilter Mehrwert und seiner Masse nach gleich der Masse des Mehrwerts ist. Es muss dann, wie Marx sagt, „die Summe der Profite aller verschiedenen Produktionssphären gleich sein der Summe der Mehrwerte.“ Da weiter der Warenpreis die Summe aus Kosten und Profit und sich ihr Wert aus Kosten plus Mehrwert zusammensetzt und da die Kostenanteile im Preis und im Wert der Ware identisch sind, muss viertens „die Summe der Produktionspreise des gesellschaftlichen Gesamtprodukts gleich der Summe seiner Werte“ sein, folgert Marx mit zwingender Logik. Marx setzt nicht "unkritisch das Wertgesetz voraus", wie Quaas den Sachverhalt verkehrt, sondern postuliert den Ausgleich der Profitraten durch Umverteilung des Mehrwerts, und siehe da, die beiden Summensätze gelten als Folge. Alsdann ergibt sich noch ein fünftes Resultat. Denn wenn der Gesamtprofit gleich dem gesamten Mehrwert und die Gesamtkosten im Wert und im Preismaß identisch sind, dann sind auch die quantitativen Verhältnisse des Profits und des Mehrwerts zu den Kosten identisch. Das aber besagt, dass die allgemeine Profitrate im Preismaß notwendig dieselbe ist wie die Durchschnittsprofitrate im Wertmaß.

 

Betrachten wir schließlich noch das Wertgesetz im Zusammenhang des Marxschen Hauptwerkes „Das Kapital“. Der Hauptsatz der Werttheorie in Band I ist das Wertgesetz, ist die Aussage, dass die notwendige Arbeitszeit den Wert der Waren bestimmt. Im dritten Band wird dargelegt, wie die Preise der Waren aus ihren Werten gebildet werden, dass der Ausgleich der Profitraten durch bloße Umverteilung von Anteilen des Mehrwerts aus den Werten zustande kommt, so dass die Preise bloß modifizierte Warenwerte sind. Der Hauptsatz der Preistheorie besagt sodann, dass das Wertgesetz die Preise reguliert. Das Transformationsproblem sucht zum Beweis nach dem quantitativen Zusammenhang zwischen den Werten und den Preisen der Waren. Mit seiner Lösung durch bloße Umverteilung des Mehrwerts hat Marx eine quantitative Verbindung zwischen der theoretisch erschlossenen Wertebene im ersten und der empirischen Ökonomie der Preise im dritten Band hergestellt. Sein „Kapital“ ist daher in der Tat ein „artistisches Ganzes“, wie er es genannt hat. Ohne eine solche quantitative Beziehung dagegen bliebe zum einen die ganze Werttheorie ein rein spekulatives Stückwerk und hingen die Preise zum anderen nach wie vor vollkommen frei in der Luft. Historisch gesehen wird durch das Transformationsproblem der Übergang zwischen der einfachen und der kapitalistischen Warenproduktion theoretisch rekonstruiert.

 

Wir resümieren. Es besteht einerseits in der Tat ein Widerspruch zwischen dem theoretischen Wertgesetz und dem Preisgesetz der Wirklichkeit, insofern Wert und Preis einzelner Waren auseinander fallen können. Andererseits ist dieser Widerspruch nicht absolut oder antagonistisch, sondern kann durch bloße Umverteilung des Mehrwerts innerhalb der Kapitalistenklasse und unter Wahrung ihres jeweiligen Besitzstandes gelöst werden, so dass beide, das Preisgesetz und das Wertgesetz, gleichzeitig für die Gesamtheiten der Waren und des Profits gelten. Was Marx unter dem Ausgleich der Profitraten auf der Grundlage des Wertgesetzes versteht, lässt sich daher wie folgt präzisieren: Wenn der Ausgleich der Profitraten vermittelst der Produktionspreise durch bloße Umverteilung des Mehrwerts zustande kommt, dann sind die beiden Summensätze erfüllt, und die Profitraten im Wert- und im Preissystem sind dieselben. Wir bezeichnen dieses Ergebnis im Folgenden als den Marxschen Transformationssatz und werden ihn sogleich noch formal beweisen.

 

Beweis: Sind κwi die Kosten der Produktion, ri die individuellen Profitraten, dann lässt sich der Warenwert darstellen durch wi=κwi+riκwi oder wi=(1+ri)κwi. Die Preise πwi sollen mit einer einheitlichen Profitrate auf die Kosten gebildet werden und das Preisgesetz erfüllen und durch bloße Umverteilung des Mehrwerts zustande kommen. Gesucht ist also eine Profitrate r, so dass die Preise die Form πwi=(1+r)κwi annehmen. Da sie durch bloße Umverteilung des Mehrwerts entstehen sollen, bleiben erstens die Kosten κwi jeder Ware unverändert, und zweitens muss dann die Summe der Profite gleich der Summe der Mehrwerte sein. Es muss also Σrκwi=Σriκwi und damit der eine Summensatz gelten. Dann ist die Lösung offenbar durch r=(Σriκwi)/Σκwi gegeben. Das ist das ganze Geheimnis. Da nun der Gesamtpreis aller Waren gleich der Summe aus dem Gesamtprofit und den Gesamtkosten ist und der Gesamtwert ganz analog gleich dem Gesamtmehrwert plus den Gesamtkosten ist, und da schließlich der Gesamtprofit gleich dem Gesamtmehrwert, ist die Summe der Preise aller Waren Σπwi gleich ihrem Gesamtwert Σwi. In Formeln lässt sich dieser Sachverhalt übersichtlich darstellen: Wenn Σπwi=Σrκwi+Σκwi und Σwi=Σriκwi+Σκwi und außerdem Σrκwi=Σriκwi gilt, dann ist Σπwi=Σwi und daher der andere Summensatz notwendig erfüllt.

 

Nach der Transformation der Warenwerte in Preise kann das Verfahren auf die Ergebnisse aus dieser Anwendung angewendet werden, um die Preise zu erhalten, mit denen die Waren aus dem folgenden Produktionszyklus hervorgehen, usw., usf. Der Marxsche Transformationssatz gilt dem Sinne nach auch für die Beziehung zwischen den Inputpreisen und den Outputpreisen, wenn man also die Warenwerte durch die Inputpreise ersetzt und die Preise durch die Outputpreise. Beschreibt man die erste Transformation formal durch den Übergang wi=(1+ri)κwi → π1wi=(1+r)κwi, so stellt die Formel π1wi=(1+pi)κwi → π2wi=(1+p)κwi die anschließende Preisanpassung dar. Der Marxsche Transformationssatz gilt somit unabhängig davon, in welchem Maß die Produktionsmittel in die Kosten eingerechnet werden. Man kann noch die Sprechweise vereinheitlichen, indem man den Wert als Geldpreis der Ware bezeichnet. Dann gilt allgemein: Wenn der Ausgleich der Profitraten durch bloße Umverteilung des Mehrwerts erfolgt, dann geschieht er durch Preisveränderung auf der Grundlage des Wertgesetzes und das ist gleichbedeutend mit einer Preisänderung, bei der die Kosten invariant bleiben und die Summe der Mehrwerte gleich der Summe der Profite ist.

 

Aus der Tatsache, dass die Bortkiewicz Transformation das Wertgesetz verletzt, muss man den Schluss ziehen, dass die Bortkiewicz Preise eben nicht durch bloße Umverteilung des Mehrwerts zustande kommen. Das aber besagt, dass Bortkiewiczs Ansatz nicht „in keinem einzigen“, sondern in dem zentralen Punkt im Widerspruch zu den Intentionen von Marx steht.

 

Die Profitrate

 

Woran liegt es nun, dass die Bortkiewicz Transformation das Wertgesetz verletzt? Ein Grund liegt in der Weise, wie Bortkiewicz die Profitrate bildet. Quaas stellt fest, dass die Profitrate im Schema von Bortkiewicz nicht mit der Durchschnittsprofitrate im Marxschen Sinne übereinstimmt, aber sie erzählt dem Leser nicht, inwiefern das der Fall ist. Insbesondere zeigt sie nicht auf, dass die Bestimmung der Profitrate à la Bortkiewicz keinen Sinn ergibt.

 

Die Profitrate ist das Verhältnis von Profit zu Kosten. Marx leitet ihren Begriff ab aus dem Verhältnis des Mehrwerts zu den Kosten. Diese Verhältnisse sind in den einzelnen Abteilungen in der Regel verschieden. Marx nennt sie die individuellen Profitraten. Wenn der Ausgleich dieser Profitraten beim Übergang zum Kapitalismus durch bloße Umverteilung individuellen Mehrwerts zustande kommt, dann geht der Gesamtmehrwert in den Gesamtprofit über, während die Gesamtkosten dieselben bleiben. Der Profit ist dann seiner Genese nach Mehrwert, und der Quantität nach ist er proportional zu den Kosten umverteilter Mehrwert. Daher kann die allgemeine oder einheitliche Profitrate nur das Verhältnis des Gesamtmehrwerts zu den Gesamtkosten der Produktion sein. Sie ist nach Lage der Dinge im Preismaß und im Wertmaß dieselbe. Marx nennt sie mit Bezug auf ihren Bildungsprozess auch die Durchschnittsprofitrate. Der Gesamt-mehrwert wiederum ist bestimmt einerseits durch die einheitliche Mehrwertrate, die sich aus dem Kräfteverhältnis der besitzenden und der arbeitenden Klassen ergibt, und andererseits durch die Menge der lebendigen Arbeitskraft, welche die Kapitalisten insgesamt einsetzen. Da schließlich der Gesamtprofit gleich dem Gesamtmehrwert ist und dieser von der Mehrwertrate abhängt, ist auch die Profitrate abhängig von der Mehrwertrate. So hat das Marx gelehrt.

 

Es sieht zunächst so aus, als ob Bortkiewicz das ähnlich sieht. Zumindest bezeichnet er die Größe r in seinem Schema ausdrücklich auch als Durchschnittsprofitrate. Und wenn man die drei Zeilen seines Preisschemas addiert, so ergibt sich (1+r)(Cx+Vy)=Cx+Vy+Mz. Daraus erhält man durch Subtraktion von Cx+Vy eine Darstellung der Größe r in der Form r=Mz/(Cx+Vy). Bortkiewicz bezeichnet nun weiter den Posten Mz als den Gesamtprofit, Cx+Vy als die Gesamtkosten und setzt z=1. Es scheint dann so, als ob die Größe r=M/(Cx+Vy) durch Durchschnittsbildung zustande kommt und dass durch sie der Mehrwert gleichmäßig auf die Kosten verteilt wird.

Aber der Schein trügt. Denn faktisch kann man r nicht berechnen, indem man zunächst den Mehrwert und die Kosten bestimmt und dann beide ins Verhältnis setzt, wie man das erwarten würde. Hier ist es umgekehrt so, dass man zunächst r ganz unabhängig von den Größen zu berechnen hat, deren Verhältnis r ausdrücken soll. Die angebliche Profitrate r wird nämlich vollständig bestimmt durch die beiden ersten Gleichungen des Preisschemas von Bortkiewicz, und die können weder den Mehrwert noch die Kosten beschreiben. Erst anschließend werden die vermeintlichen Kosten Cx+Vy so getrimmt, dass das Verhältnis M/(Cx+Vy)=r wird. Das ist möglich, weil zumindest eine der beiden Wert-Preis-Relationen x oder y frei wählbar ist.

 

Wir werden nun zeigen, dass die vermeintliche Durchschnittsprofitrate r im System Bortkiewicz mit keiner der für ihre Bestimmung wesentlichen Größen in einem definierten Zusammenhang steht. Die Größe r ist erstens unabhängig von den Mehrwerten mi und folglich auch unabhängig vom Gesamtmehrwert M=m1+m2+m3. Die sogenannte Profitrate ist zweitens unabhängig von der Mehrwertrate mi/vi. Schließlich stellt sich noch heraus, dass der Mehrwert in dem ökonomischen System von Bortkiewicz nicht durch M und dass die Kosten der Produktion nicht durch Cx+Vy dargestellt werden können. Die Profitrate à la Bortkiewicz ist sozusagen ein multipler Blindgänger.

 

Die Profitrate ist unabhängig vom Mehrwert

 

Wir beweisen zunächst unsere Behauptung, wonach die Profitrate unabhängig ist von den Größen mi und von ihrer Summe M=m1+m2+m3 insbesondere. Das haben zwar schon andere Kritiker zu Bedenken gegeben, aber Quaas bestreitet das. Sie widerspricht in diesem Punkte sogar der Mutmaßung von Bortkiewicz selbst: „Anders als Bortkiewicz glaubte, kann mit seinem Ansatz die Profitrate nicht so ohne Weiteres als von den Verhältnissen der dritten Abteilung unabhängig angesehen werden…“ (Q 61) Wir werden daher unsere Behauptung sogleich beweisen. Genau gesagt, zeigen wir, dass die Profitrate im Bortkiewicz Schema bei gegebenen mi und gegebener Mehrwertrate mi/vi beliebig viele Werte annehmen kann. Der Beweis setzt die Kenntnis einfacher Sätze der Linearen Algebra voraus und ist für das weitere Verständnis nicht erforderlich.

 

Beweis. Die „Profitrate“ r muss so bestimmt werden, dass das Schema von Bortkiewicz eine nicht triviale Lösung hat. Das ist genau dann der Fall, wenn die Determinante des um die dritte Zeile verkleinerten Preissystems BS

(1+r)(c1x+v1y)=c1x+c2x+c3x,


(1+r)(c2x+v2y)=v1y+v2y+v3y

gleich Null ist. Die Profitrate erweist sich als eine Nullstelle eines Polynoms in r, dessen Koeffizienten ausschließlich aus den Werten der ci und vi bestehen. Die Determinante des Zweizeilers selbst ist insbesondere abhängig vom Wert der Produktionsmittel c1. Man kann nun aber den Zahlenwert von c1 beliebig variieren, ohne die strukturellen Voraussetzungen des Wertschemas BS

c1+v1+m1=c1+c2+c3,


c2+v2+m2=v1+v2+v3,


c3+v3+m3=m1+m2+m3

zu verletzen, die Bortkiewicz gemacht hat. Wir haben c1 zur Veranschaulichung fett gedruckt. Die i-ten Zeilensummen bleiben dabei ersichtlich gleich den i-ten Spaltensummen. Insbesondere bleibt die dritte Zeile des Systems davon völlig unberührt. Wenn sich nun aber c1 ändert, dann muss sich die Profitrate r anpassen, während alle mi und daher auch ihre Summe M=m1+m2+m3 konstant bleiben. Damit ist die Behauptung bewiesen, dass die Größe r sich in einem Kontinuum von Zahlen unabhängig von den mi und daher auch unabhängig von dem Gesamtmehrwert M verändern kann. Da Bortkiewicz weiter Mz als den Gesamtprofit interpretiert und z=1 setzt und damit den Profit gleich dem Mehrwert setzt, besteht in seinem System auch kein innerer Zusammenhang zwischen dem Profit und der Profitrate.

 

Betrachten wir nun das Verhältnis von der Größe r zur Mehrwertrate. Wir haben soeben bewiesen, dass r sich in Abhängigkeit von c1 ändern muss, während die mi und die vi unverändert bleiben. Dann muss sich r aber auch unabhängig von dem Quotienten mi/vi ändern, den Bortkiewicz in seinem System als Mehrwertrate interpretiert. Die Profitrate im Preissystem BS ist daher im Wesentlichen unabhängig von der Mehrwertrate.

 

Die Profitrate im System von Bortkiewicz zeichnet sich noch durch eine dritte abartige Besonderheit aus. Während sie die Abhängigkeit vom Mehrwert und der Mehrwertrate erfolgreich abschüttelt, gerät sie in eine dubiose wechselseitige Abhängigkeit von den Preisen. Aus der Sicht der Marxschen Theorie ergibt das absolut keinen Sinn. Denn da ihr zufolge die individuellen Mehrwerte nur umverteilt werden, sind sowohl die Gesamtmasse des Mehrwerts, als auch die Kosten der Produktion von Anfang an bekannt. Infolgedessen ist auch die Profitrate vor der Transformation der Warenwerte in Preise bekannt. Die Preise entstehen dann aus den Kosten, indem letztere nach Maßgabe der Profitrate vergrößert werden. Insofern nun Bortkiewiczs Profitrate umgekehrt auch von den Preisen abhängt, ist sie dann notwendig verschieden von der Durchschnittsprofitrate im Marxschen Verstande.

 

Mystifikation im Dienste der Wissenschaft

 

In puncto Mehrwertrate gerät Quaas nun in ein Dilemma mit ihrer These, dass der Ansatz von Bortkiewicz in keinem einzigen Punkt im Widerspruch zu den Intentionen von Marx steht. Denn sie weiß natürlich, dass Marx einen gesetzmäßigen Zusammenhang zwischen Mehrwertrate und Profitrate postuliert. Quaas zitiert sogar die einschlägige Formel p=σ/(q+1), worin p für die Profitrate, σ für die Mehrwertrate und q für die organische Zusammensetzung des Kapitals stehen. (Q54) Demzufolge ist die Profitrate proportional zur Mehrwertrate.

 

Andererseits weiß sie, dass Bortkiewicz die Profitrate auf andere Weise berechnet als Marx und auch zu einem abweichenden numerischen Ergebnis kommt und dass einige Leute sogar annehmen, dass diese Profitrate unabhängig von den Mehrwerten ist. In der Praxis würde ein System à la Bortkiewicz bedeuten, dass die Profitrate von den Tarifverhandlungen und Arbeitskämpfen, soweit sie die Verteilung des gesellschaftlich produzierten Überschusses betreffen, nicht tangiert wird. Da das auch nach Meinung von Quaas nicht sein kann, widerspricht sie Bortkiewicz. Aber sie widerspricht nicht seinem System, das sich disqualifiziert hat, sondern seiner richtigen Interpretation desselben. Letztere, und nicht das Schema, sei „in diesem Punkt inkonsistent.“ Ihre Begründung ist, wie zu erwarten steht, vollkommen abstrus. Sie faselt etwas daher, dass „in C und V … ja auch c3 und v3“ eingehen, was einerseits nicht zu bestreiten ist, was aber andererseits keinen Zusammenhang zwischen r und mi oder zwischen r und σ begründet. (Q61) Obendrein muss sie sogar einräumen, dass „sich Beispiele anführen lassen, bei denen selbst eine starke Steigerung der Mehrwertrate die Profitrate unberührt lässt“, dass es also Beispiele gibt, die deren Unabhängigkeit belegen, die sie bestreitet. (Q53)

 

Sehen wir zu, wie sich Quaas aus diesem Dilemma herauszuwinden versucht. Sie erklärt also, dass "ein durchgehender Zusammenhang zwischen den Abteilungen a priori gesetzt ist, von dem man nicht einfach absehen kann." Die von Bortkiewicz aufgestellte Profitratenformel verberge diesen Zusammenhang zwischen der Profitrate und „den technischen Produktionsrelationen im Luxusgütersektor“, er sei "aber nichtsdestoweniger da" und wirke auch durch sein Dasein. Freilich sei "sich Bortkiewicz dessen nicht bewusst." (Q62)

 

Das ist schon bärenstarker Tobak. Quaas hat offenbar ein besonderes Verhältnis zur analytischen Beschreibung von Wirkungszusammenhängen. Obwohl die Formel von Bortkiewicz darlegt, dass die Profitrate r darin nicht von den mi abhängig ist, und numerische Beispiele diesen Umstand belegen, stellt sie die Tatsachen buchstäblich auf den Kopf mit der grotesken Begründung, dass die Formel die faktische Abhängigkeit gerade verbirgt. Und wie um ihrer Willkür noch die Krone aufzusetzen, versucht sie sich dabei auf Marx zu berufen. Dieser hatte mehrmals herausgestellt, dass Schein und Wirklichkeit im Kapitalismus oft nicht übereinstimmen, dass „also in der Konkurrenz alles verkehrt“ erscheine. (z.B. III 219). Darauf bezieht sich Quaas hier. Die durch die Formel und die Beispiele nachgewiesene Freiheit der Profitrate von der Mehrwertrate „ließe sich im Sinne von Marx dahingehend interpretieren, dass die Mystifikation der Verhältnisse kapitalistischer Ausbeutung der Ware Arbeitskraft in der Realität in vielerlei Formen und Abstufungen auftritt, u.a. wird eben auch der Schein eines nur losen Zusammenhangs zwischen Mehrwert- und Profitrate erzeugt, der ihr wirkliches Verhältnis verbirgt“, suggeriert sie. (Q 53) Mir aber wird von all dem Zeug so dumm, als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum. Während nämlich Marx seine Theorie vom Kapital entwickelt, um die Wirklichkeit zu erklären und dieselbe gegebenenfalls hinter dem möglichen falschen Schein in der Erfahrung zu entdecken, stellt Quaas das Verhältnis von Theorie und Erfahrung genau umgekehrt dar. Sie erkennt das Verfahren von Bortkiewicz einerseits doch gerade an als die richtige wissenschaftliche Beschreibung des Verhältnisses von Wert und Preis, erklärt aber andererseits die mit Hilfe eben dieses Verfahrens nachgewiesenen Beispiele für die Unabhängigkeit der Profitrate von der Mehrwertrate kurzerhand zu Mystifikationen. Bedarfsweise dient ihr also die Wissenschaft nicht dazu, die Welt zu enträtseln, sondern zu vernebeln. Das ist fürwahr ein schändlicher Fall von Opportunismus im Namen der Wissenschaft und in Tateinheit mit dem Missbrauch der Reputation von Marx.

 

Reproduktion

 

Kommen wir nun zu dem Punkt, der gemeinhin als die Hauptsache gilt. Im Punkt 8 der Quaas’schen Gegenüberstellung heißt es: „Im Bortkiewicz Schema sind die Gleichgewichtsbedingungen der einfachen Reproduktion erfüllt. Bei Marx sind diese verletzt. Dies betrifft einen der Hauptpunkte, in denen die Inkonsistenz der Marxschen Transformationsmethode überwunden wurde.“ (Q54) Die Reproduktionsbedingungen sind in der Tat ein entscheidendes Kriterium. Denn wenn sie verletzt werden, ist die Transformation sicher keinen Pfifferling wert. Insofern ist es nur folgerichtig, wenn Bortkiewicz die Reproduktionsbedingungen gegen Marx ausspielt. Dies im Sinn, wendet er die Marxsche Methode der Wert-Preis-Transformation auf sein verallgemeinertes Modell an und stellt fest, dass sich die Ökonomie mit den Preisen, die er dabei erhält, nicht reproduzieren kann. Da sein Selbstbewusstsein stärker ist als seine Selbstkritik, folgert er daraus, dass das Marxsche Verfahren inkonsistent ist, und macht den oben genannten Kostpreisfehler als Ursache des Scheiterns aus. Zum Zwecke der Korrektur des Marxschen Verfahrens ändert er die Darstellung der Kosten ab, indem er die Werte der vorgeschossenen Kapitale durch deren Preise ersetzt. Und siehe da, nun erfüllen die Preise die Reproduktionsbedingungen! Die Legende, die der Professor damit in die Welt gesetzt hat und die von der Wirtschaftswissenschaft bis auf den heutigen Tag sorgsam gepflegt wird, ist nun diese: Die Marxsche Transformation erfüllt das Wertgesetz, ist aber inkonsistent. Das Verfahren von Bortkiewicz dagegen verletzt zwar das Wertgesetz, ist aber wenigstens konsistent. Bortkiewicz ist Sieger, Marx kann gehen.

 

Wenn eine Transformation die Reproduktionsbedingungen erfüllt, wird sie deshalb traditionell auch konsistent genannt. Versuchen wir nun zu klären, ob die Transformation von Bortkiewicz in diesem Sinne konsistent ist. Zu diesem Zweck muss man auf ihre Definition zurückgreifen. Dabei stellt man zunächst fest, dass Bortkiewicz seine Transformation an keiner Stelle explizit definiert hat. Wir müssen daher als erstes versuchen, etwas von der Art einer Definition zu rekonstruieren. Bortkiewicz hatte zum einen die mittleren Wert-Preis-Relationen x=πC/C, y=πV/V und z=πM/M bestimmt und mit ihrer Hilfe das Preisschema BS

(1+r)(c1x+v1y)=(c1+c2+c3)x,

(1+r)(c2x+v2y)=(v1+v2+v3)y,

(1+r)(c3x+v3y)=(m1+m2+m3)z

aufgestellt. Man kann annehmen, dass die Werte der Waren ci durch die Multiplikation mit dem Faktor x in ihre Preise übergehen. Das gleiche gilt für vi und den Faktor y respektive. Die Transformation lautet dann πci=xci und πvi=yvi; sie ist aber damit noch nicht vollständig beschrieben. Das Schema gibt keinen Hinweis darauf, wie die Preise πmi der Luxuswaren mi zu bilden sind.

 

Klar ist einerseits, dass die Preise die Reproduktionsbedingungen genau dann erfüllen, wenn die Profite der Abteilungen mit den Preisen der ihnen jeweils zugedachten Luxuswaren übereinstimmen, wenn also πmi=r(xci+yvi) für alle i gilt. Denn dann kann e.g. die erste Abteilung ihre produzierten Waren c2 und c3 zum Preis von (c2+c3)x im Austausch gegen die verbrauchten Güter v1 und m1 zum Preis von v1y bzw. r(c1x+v1y) zurückkaufen. In der Tat macht Bortkiewicz sich anheischig, unter genau dieser Voraussetzung zu beweisen, dass seine Transformation die Reproduktionsbedingungen erfüllt. Er tischt zu diesem Zwecke ein numerisches Beispiel auf. Das ist zwar ein voll stümperhaftes Vorgehen und absolut kein Beweis in irgendeinem beweistheoretischen Verstande, aber wir erfahren dabei wenigstens, wie Bortkiewicz sich die Preise der Luxuswaren denkt, die er an keiner Stelle explizit definiert hat. Zur Berechnung seiner Preistabelle im besagten Beispiel gibt er also die folgende Vorschrift an: „Der Profit der ersten Abteilung besteht aus der Summe der Preise der Produktionsmittel multipliziert mit der Profitrate.“ Man erhält also πmi=r(xci+yvi). Bortkiewicz hat keine nähere Erklärung dazu abgegeben, und die Wissenschaft hat anscheinend in 100 Jahren nie danach gefragt.

 

Die Sache mit der Mehrwertrate

 

Nehmen wir also zunächst an, dass die Preise der Luxuswaren durch πmi=r(xci+yvi) bestimmt sind. Dann sind zwar die Reproduktionsbedingungen erfüllt, aber es klemmt sogleich an einer anderen Stelle. Denn Marx hat behauptet, dass die Mehrwertraten im Kapitalismus notwendig einheitlich sind, und Bortkiewicz hat das durchaus anerkannt. Die Mehrwertrate bezeichnet das Wertverhältnis mi/vi des Mehrwerts mi zum variablen Kapital vi. Dementsprechend hat Marx bei der Wert-Preis-Transformation in seinem Gedankenmodell vorausgesetzt, dass die Quotienten mi/vi dem Wert nach für alle Warenkapitale gleich sind. Er hat unter dieser Bedingung die Produktionspreise zu den Warenwerten konstruiert. Die Mehrwertraten im Preissystem sind dann durch die Verhältnisse πmi/πvi der Preise gegeben. Sobald die Produktionspreise eingeführt sind und die Austauschverhältnisse solcherart an die kapitalistische Produktionsweise angepasst sind, erwartet man selbstverständlich, dass auch der preisliche Ausdruck der Mehrwertraten in allen Abteilungen ein und denselben Wert annimmt. Im Modell von Marx trifft das in der Tat auch zu.

 

Wir haben bisher rekonstruiert, dass die Bortkiewicz Transformation definiert ist durch πci=xci und πvi=yvi und dass Bortkiewicz die Preise der Luxuswaren in seinem numerischen Beispiel auf πmi=r(xci+yvi) festgesetzt hat, damit die Reproduktionsbedingungen erfüllt sind. Dann aber sind die Mehrwertraten in Preisen nicht einheitlich. Wir können sogar zeigen, dass die Mehrwertraten genau dann zugleich im Wertsystem und im Preissystem BS einheitlich sind, wenn die Preise der Luxuswaren proportional zu ihren Werten sind, will sagen, wenn es ein festes z gibt, so dass πmi=zmi in allen Abteilungen. Diese Festlegung der Preise für die Luxuswaren ist freilich mit der ersteren nicht kompatibel.

 

Beweis des Satzes: Wir setzen voraus, dass die Mehrwertrate im Wertsystem einheitlich ist und dass πvi=yvi. Wenn außerdem πmi=zmi, dann ist πmi/πvi=zmi/yvi=(z/y)mi/vi. Die einheitliche Mehrwertrate im Wertsystem sei mi/vi=σ. Dann erhalten wir πmi/πvi=(z/y)mi/vi=σz/y. Die rechte Seite aber ist unabhängig von i und daher konstant. Setzen wir also σz/y=λ, dann ist die Mehrwertrate im Preissystem πmi/πvi=λ und somit einheitlich.

Nun zur umgekehrten Implikation. Sei die Mehrwertrate im Wertsystem wieder einheitlich. Wenn die Mehrwertrate auch im Preissystem einheitlich ist, etwa πmi/πvi=λ, dann ist πmi=λπvi. Wegen πvi=yvi ist zunächst πmi=λyvi. Wegen vi=mi/σ ist dann πmi=λymi/σ. Bezeichnen wir nun die Konstante λy/σ mit z, so folgt die Behauptung πmi=zmi.

 

Untersuchen wir nun, wie sich die Preise in dem numerischen Exempel von Bortlkiewicz verhalten. Bortkiewicz setzt einerseits voraus, dass die Verhältnisse mi/vi alle wertgleich sind. Wenn sein Verfahren korrekt ist, muss man erwarten, dass die Verhältnisse πmi/πvi der Preise auch alle gleich sind, da sie ja in dem Preissystem die Mehrwertraten ausdrücken. Die Verhältnisse der Werte im Wertsystem sind eingangs mi/vi=2/3 für alle i. Man überzeugt sich nun leicht anhand der von Bortkiewicz selbst angegebenen Zahlen, dass die Mehrwertraten πmi/πvi nicht einheitlich sind. Denn nach ihrer Verwandlung in Preise sind die Verhältnisse der Preise der Reihe nach r(xc1+yv1)/yv1=96/96=1, r(xc2+yv2)/yv2=64/128=1/2, r(xc3+yv3)/yv3=40/96=0,42 und somit alle verschieden.

 

Entweder Reproduktion oder einheitliche Mehrwertrate

 

Wir beweisen nun allgemein, dass die Bortkiewicz Preise entweder die Reproduktionsbedingungen erfüllen oder eine einheitliche Mehrwertrate gewähren. Beide Bedingungen zusammen führen jedoch zum Widerspruch mit der notwendigen Voraussetzung, dass die Quotienten ci/vi aus dem konstanten und dem variablen Kapital ci bzw. vi nicht alle gleich sind. Diese Quotienten hat Marx als die organischen Zusammensetzungen der Kapitale bezeichnet. Ihre Ungleicheit ist der Grund, weshalb sich die individuellen Profitraten unterscheiden und weshalb sie ausgeglichen werden sollen. Ohne die Vorausetzung ungleicher organischer Zusammensetzungen der Kapitale kann man sich mithin die ganze Transformation sparen.

 

Beweis der Behauptung: Seien ci, vi und mi die Werte der Waren in dem Wertesystem BS von Bortkiewicz, so dass die Mehrwertraten mi/vi=σ überall einheitlich sind, dass die Quotienten ci/vi aber nicht in allen Abteilungen denselben Wert haben. Es wird ferner angenommen, dass die Wert-Preis-Relationen x und y das folgende Gleichungssystem erfüllen.

c1x+v1y+r(c1x+v1y)=c1x+c2x+c3x


c2x+v2y+r(c2x+v2y)=v1y+v2y+v3y


c3x+v3y+r(c3x+v3y)=πm1+πm2+πm3.

Die Mehrwertrate ist zum einen genau dann einheitlich im Preissystem, wenn es eine Zahl λ gibt, so dass in allen Abteilungen πmi/πvi=λ ist oder πmi=λπvi. Die Bedingung für die Reproduktion zum anderen ist genau dann erfüllt, wenn πmi=r(xci+yvi). Die Bedingungen für die Reproduktion und die Einheitlichkeit der Mehrwertraten für die Preise sind folglich genau dann zugleich erfüllt, wenn r(xci+yvi)=λπvi. Diese Gleichung aber ist äquivalent zu rxci=λπvi-ryvi und weiter zu rxci=(λ-r)yvi, da πvi=yvi. Dividiert man das letzte Ergebnis durch rx und vi, so erhält man ci/vi=(λ-r)y/rx. Da nun alle Größen auf der rechten Seite der letzten Gleichung unabhängig von i sind, haben wir das folgende bewiesen: Wenn die Reproduktionsbedingungen erfüllt und zugleich die Mehrwertraten einheitlich sind, dann sind die Quotienten ci/vi alle identisch. Damit haben wir einen Widerspruch zur Voraussetzung, wonach die ci/vi gerade nicht alle gleich sein sollten. Daraus folgern wir, dass die Bortkiewicz Preise nur eins von beidem leisten, entweder die Reproduktion oder eine einheitliche Mehrwertrate.

 

Die Bortkiewicz Preise erfüllen also die Reproduktionsbedingungen dann und nur dann, wenn sie eine andere wichtige Bedingung, die Einheitlichkeit der Mehrwertrate, verletzen. Damit hat die kecke Behauptung von F. Quaas, wonach Bortkiewiczs Ansatz in keinem einzigen Punkt im Widerspruch zu Marx’ Intentionen steht, einen weiteren Tiefschlag erhalten. Wir wissen schon, dass Bortkiewicz die einheitliche Profitrate und die Preise nicht durch bloße Umverteilung des Mehrwerts bildet. Wir wissen auch, dass seine Profitrate unabhängig ist von der Mehrwertrate. Wir lernen nun, dass die Mehrwertraten im System der Preise nicht einheitlich sein können, ohne dass die Reproduktionsbedingungen verletzt werden. Das Schema von Bortkiewicz ist infolgedessen absolut kein Modell der Marxschen Theorie und kann daher auch nicht als Lösung des Marxschen Transformationsproblems gelten.

 

Wir fassen unser Ergebnis zusammen. Bortkiewicz hat seine Transformation nur unvollständig definiert. Sie erfüllt einerseits die Reproduktionsbedingungen genau dann, wenn die Preise der Luxuswaren durch πmi=r(xci+yvi) definiert werden. Sie stellt andererseits genau dann eine einheitliche Mehrwertrate sicher, wenn die Preise der Luxuswaren proportional zu deren Werten sind. Diese beiden Bedingungen sind prinzipiell unvereinbar. Daher kann die Bortkiewicz Transformation nicht in eindeutiger Weise so definiert werden, dass sie die Reproduktionsbedingungen erfüllt und eine einheitliche Mehrwertrate garantiert. Sie ist ein Flop.

 

Die Bortkiewicz Transformation ist inkonsistent

 

Wir behaupten und beweisen nun zusätzlich, dass sich das ökonomische System BS niemals mit den Preisen von Bortkiewicz reproduzieren lässt, also unabhängig davon, ob die Mehrwertraten nun einheitlich sind oder nicht, und dass sein Transformationsverfahren daher unbedingt inkonsistent ist. Und das geht so. Aus dem Wertesystem BS, das Bortkiewicz voraussetzt, geht zunächst hervor, dass die dritte Abteilung die Produktionsmittel c3 und v3 jeweils zu ihrem Wert kauft. Dem Gesamtwert der Produktionsmittel c3+v3 setzt sie alsdann durch Arbeitskraft den Wert m3 hinzu, um die Luxuswaren m1, m2 und m3 herzustellen. So weit, so gut. Nun sollen die Preise der Luxuswaren bestimmt werden, und Bortkiewicz fordert, dass die Produktionsmittel zu diesem Zweck unvermittelt mit ihren Preisen in die Kosten eingehen, um den hypostasierten Kostpreisirrtum von Marx zu vermeiden. Es fallen alsdann die Preise für die Produktionsmittel und für die zugesetzte Lohnarbeit als Kosten an, da sich am unmittelbaren Produktionsprozess durch den Wechsel zum kapitalistischen Regime nichts ändert. Der Preis der Waren c3 und v3 beträgt zusammen xc3+yv3. Nun hat Bortkiewicz aber die Produktionskosten der dritten Abteilung insgesamt auf κw3=xc3+yv3 begrenzt, so dass diese Kosten schon durch den Kaufpreis für die Produktionsmittel ausgeschöpft sind und kein einziger Cent vorgesehen ist, um die benötigte Arbeitskraft anzuheuern. Da die Arbeiter nicht für lau arbeiten, bleiben die Produktionsmittel unbearbeitet liegen. Infolgedessen kann sich die Ökonomie mit Bortkiewiczs Preisen nicht reproduzieren. Bortkiewiczs hochgelobtes Transformationsverfahren, das sich angeblich gerade durch seine Konsistenz von dem Marxschen Verfahren abheben soll, ist selbst definitiv inkonsistent und daher Null und nichtig.

 

Das Preisgesetz

 

Wenden wir uns nun dem Preisgesetz zu. Es besagt, dass die Preise nach der Formel πwi=(1+r)κwi zu berechnen sind, indem also auf die Kosten κwi der Ware ein Aufschlag mit einheitlicher Rate r erhoben wird. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob Bortkiewicz seine Preise in Übereinstimmung mit diesem Gesetz bildet. Die Gleichungen im Schema von Bortkiewicz haben ja formal die Gestalt (1+r)(cix+viy)=πwi, und ihr Erfinder verkündet, dass die Preissumme cix+viy auf der linken Seite die Kosten der Waren auf der rechten Seite sind.

 

Aber der gute Professor hat die Kraft seines Geistes gewaltig überschätzt. Bei der Bildung eines mathematischen Modells genügt es nicht, nach dem Muster der Schöpfungsgeschichte einfach zu sagen, es sei, und siehe, es ward, sondern da hat man die elementaren Gesetze der Logik zu beachten und die Bedingungen der Möglichkeit jeder Setzung zu beweisen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Wohldefiniertheit einer Setzung. Das obige Preisgesetz stellt die Beziehung zwischen den Kosten und dem Preis derselben Ware wi her. In der e. g. ersten Gleichung (1+r)(c1x+v1y)=(c1+c2+c3)x von Bortkiewicz aber sind die Waren c2 und c3, die auf der rechten Seite stehen, offensichtlich verschieden von v1 auf der linken Seite. Es gibt daher keinerlei Evidenz, dass das Preisgesetz erfüllt ist. Es war also erst zu beweisen, dass die Beziehung πw=(1+r)κw für alle Waren gilt, will sagen, für alle Waren, die sie betrifft. Betroffen davon sind aber zumindest alle Waren, die sowohl zum Input als auch zum Output der jeweiligen Abteilung gehören, also namentlich die Waren c1, v2 und m3. Es lässt sich freilich nicht ohne Weiteres ersehen, wie viel die Ware c1 die erste Abteilung kostet und ob dann πc1=(1+r)κc1. Das analoge gilt für v2 in der zweiten Abteilung. Bortkiewicz hätte es also beweisen müssen. Unmittelbar klar ist indes, dass die Gleichung πm3=(1+r)κm3 nicht erfüllt ist. Bortkiewicz hätte daher mit einem Minimum an Fähigkeit zur Selbstkritik sich und der Nachwelt seinen ganzen Schmarren ersparen können.

 

Zur Begründung: Sei w3=m1+m2+m3 das Warenprodukt der dritten Abteilung dem Werte nach. Die Kosten von w3 in Preisen sind einerseits κw3=κc3+κv3+κm3, weil die Kosten einer Wertsumme gleich der Summe der Kosten der Komponenten ist, und andererseits κw3=xc3+yv3 laut der dritten Gleichung im Preisschema von Bortkiewicz. Da die Abteilung III ihre Produktionsmittel c3 und v3 schon eingangs zu ihren Preisen kaufen soll, wie es dem Eigensinn des Professors beliebt, und die Kostpreise dieser Waren mit deren Kaufpreisen identisch sind, haben wir κc3=xc3 und κv3=yv3. Dann aber ist einerseits κw3=xc3+yv3+κm3 und andererseits κw3=xc3+yv3, so dass κm3=0 folgt. Das Preisgesetz gilt also hier genau dann, wenn der Profit πm3=(1+r)κm3=0. Das wiederum kann unmöglich wahr sein, denn kein Kapitalist der Welt produziert ohne Aussicht auf Profit.

 

Das Ergebnis ist der bare Hohn. Da schwadronieren die Kritiker der Marxschen Theorie seit 100 Jahren, was das Zeug hält, über die Unvereinbarkeit von Preisgesetz und Wertgesetz unter einer konsistenten Transformation, und dass jene durch das Verfahren von Bortkiewicz bewiesen sei, und dann stellt sich bei der erstbesten Überprüfung heraus, dass sein Schema weder konsistent ist, noch überhaupt das Preisgesetz erfüllt. Ergo hat man die Marxsche Preistheorie aus dem vollkommen hohlen Bauch falsifiziert. Das ist fürwahr ein Geniestreich der Ideologen, aber es ist zugleich ein veritabler Offenbarungseid der Wirtschaftswissenschaft.

 

Resümee

 

Bortkiewicz erkennt als richtig an, dass Marx die Kosten aus dem vorgeschossenen konstanten und variablen Kapital zusammensetzt. Er kritisiert aber, dass Marx die Elemente des Kapitals im Wertmaß angibt. Richtigerweise müssten sie auf Preise lauten. Er nimmt daher zwei Änderungen vor. Zum einen ersetzt er in seinem Verfahren die Werte ci des konstanten und des variablen Kapitals vi durch deren Preise xci bzw. yvi. Da dann sowohl die Input- als auch die Outputpreise und somit zu viele Größen unbestimmt sind, fordert er zusätzlich, dass die Preise beim Input und beim Output jeweils gleich sind. Als Ergebnis seiner angeblich korrekten Transformation haben wir nun dies: Zum einen gilt offenbar das Wertgesetz nicht mehr. Bortkiewicz verteilt zwar insgesamt Profit im Umfang des Gesamtmehrwerts auf die Kosten, aber die Summe der Preise aller Waren stimmt nicht mit deren Gesamtwert überein. Zweitens ist die Profitrate unabhängig vom Mehrwert und von der Mehrwertrate. Drittens werden entweder die Reproduktionsbedingungen verletzt oder der Grundsatz der einheitlichen Mehrwertrate im Kapitalismus. Viertens kann sich die Ökonomie mit diesen Preisen überhaupt niemals reproduzieren. Und fünftens wird nicht einmal das Preisgesetz erfüllt.

 

Wir versuchen im Folgenden zu ergründen, wie es zu diesem Totalversagen kommt. Die Vermutung liegt nahe, dass Bortkiewiczs Korrekturen dafür verantwortlich sind. Das trifft aber allenfalls bedingt zu. Seine erste Änderung ist angeblich notwendig zur Vermeidung des Kostpreisirrtums. Wir haben aber schon begründet, dass es vom Standpunkt des Marxschen Verfahrens vollkommen irrelevant ist, in welcher Form die Kostpreise κwi vorliegen, so dass es sowohl auf die Werte oder Geldpreise der Produktionsmittel als auch auf deren Produktionspreise angewendet werden kann. Im ersten Fall erledigt es die ursprüngliche Wert-Preis-Transformation, im anderen Fall die Berechnung der Outputpreise zu gegebenen Inputpreisen, wobei es egal ist, ob letztere mit einheitlicher Profitrate gebildet sind oder nicht. Ergo betrifft die erste „Berichtigung“ von Bortkiewicz überhaupt nicht das Marxsche Verfahren als solches, sondern zielt lediglich auf die sachlich unbegründete und daher ungerechtfertigte Begrenzung seiner Anwendungsmöglichkeiten.

 

Auch die Forderung nach Preisinvarianz ist im Prinzip mit der Marxschen Theorie durchaus vereinbar. Die Preise, die im Gedankenmodell von Marx unmittelbar aus der Wert-Preis-Transformation entstehen, bleiben auch in den folgenden Produktionszyklen konstant. In jedem anderen Modell der Ökonomie freilich ändern sich die Preise mit jedem neuen Zyklus. Invariante Preis können dann nur als Grenzwerte einer Folge von Produktionspreisen auftreten, die sich jeweils von den Inputpreisen unterscheiden.

 

Wir halten daher fest, dass die beiden vorsätzlich installierten Besonderheiten der Bortkiewicz Transformation deren Scheitern nicht notwendig verursachen. Im Prinzip sind beide Forderungen sowohl mit dem Preisgesetz, als auch mit den Reproduktionsbedingungen und mit dem Wertgesetz vereinbar. Der eigentliche Grund für das Versagen ist daher noch offen.

 

Transformation des Wertsystems

 

Bortkiewicz hat vorausgesetzt, dass die Warenwerte die Form wi=ci+vi+mi besitzen, worin ci, vi und mi der Reihe nach für die Werte der Produktionsmittel, der Lebensmittel und der Luxuswaren stehen, und dass sie das obige Wertschema BS erfüllen und dass die Wertverhältnisse ci/vi nicht in allen Abteilungen gleich sind. Marx hat dagegen hat unterstellt, dass die wi=ci+vi+mi Warenkapitale sind, derart, dass ci und vi für den Wert des verbrauchten konstanten bzw. variablen Kapitals und mi für den produzierten Mehrwert stehen. Obwohl dieser Unterschied von fundamentaler Bedeutung ist, hat ihn noch niemand beachtet. Wir gehen unten näher darauf ein.

 

Zunächst verdeutlichen wir das Problem. Bortkiewicz geht von der Annahme aus, dass die Kosten der Produktion durch die Summe des vorgeschossenen konstanten und variablen Kapitals beschrieben sind. Dies im Sinne, legt er die Kosten der dritten Abteilung durch xc3+yv3 fest. Er unterstellt damit insbesondere, dass die Produktionsmittel c3 das konstante Kapital der Abteilung abgeben und die Lebensmittel v3 das variable. Wie aber kommt es dann, dass die Kosten mit xc3+yv3 zu niedrig ansetzt sind, so dass sich die Abteilung nicht reproduzieren kann und das Preisgesetz verletzt? Der Grund ist, dass einer der zehn größten Ökonomen in der Schumpeter Skala den Unterschied zwischen konstantem und variablem Kapital nicht begriffen hat, jedenfalls nicht den Unterschied, den Marx definiert hat. Bortkiewicz macht die Gebrauchswerte der Waren zur differentia spezifica anstatt der Verwertungsbedingungen der Warenwerte. Das ist die letzte Ursache, weshalb er die Marxschen Intentionen schon im ersten Ansatz, nämlich bei der Umwandlung des Wertsystems in ein kapitalistischen System, vollständig und von Grund auf desavouiert hat. Insbesondere werden die Lebensmittel v3 von der dritten Abteilung gekauft und gekaufte Waren können prinzipiell nicht als variables Kapital fungieren, da sie nicht gegen Arbeitskraft getauscht werden. Und weil Bortkiewicz nicht gecheckt hat, was variables vom konstanten Kapital unterscheidet, hat er die Kosten systematisch falsch bestimmt. Er hat erst einen angeblichen Kostpreisirrtum in das vollkommen richtige Marxsche Verfahren hineinfantasiert und es sodann durch einen veritablen Kostpreisfehler verballhornt.

 

Im Marxschen Modell sind die Waren wi schon eingangs unter kapitalistischen Verhältnissen produziert. Sie besitzen daher von Anfang an eine Darstellung durch Kapital. Bezeichnen wir zur Verdeutlichung mit γi den Wert des verbrauchten konstanten Kapitals, mit φi den Wert des variablen Kapitals und mit μi den Mehrwert, dann haben die Warenkapitale bei Marx die Form wi=γi+φi+μi als Summe der Werte der verbrauchten Elemente des Kapitals. Die darin auftretenden Summanden unterscheiden sich durch ihre Funktion als Kapital. Über ihre Gebrauchswerte wird dadurch nichts ausgesagt.

 

Bortkiewicz beginnt im Unterschied dazu mit Warenmengen aus der einfachen Warenproduktion. Die Werte dieser Waren lassen sich zwar ebenfalls berechnen als Summe wi=ci+vi+mi der Werte der verbrauchten Produktionselemente, aber hier steht ci für die verbrauchten Produktionsmittel, vi für die verzehrten Lebensmittel und mi für die zusätzliche Arbeitskraft. In diesem Fall unterscheiden sich die Elemente durch die Gebrauchswerte. Diese Waren sind (noch) nicht als Kapital produziert, sollen aber ab sofort in kapitalistischer Regie reproduziert werden, so dass auch sie eine Darstellung aus Elementen des Kapitals erhalten.

 

Bortkiewiczs Modell für die kapitalistische Reproduktion ist inkonsistent

 

Sehen wir uns nun an, wie Bortkiewicz das Wertsystem BS in ein kapitalistisches System transformiert. Nun, ganz einfach! Bortkiewicz verwandelt die Produkte der einfachen Warenproduktion in kapitalistische Waren, indem er sie kraft seines Wortes zu Kapital erklärt. Die einfachen Waren ci und vi seien jetzt Kapital! Man verwandelt die Darstellung der Waren durch die Werte der verbrauchten Gebrauchswerte wi=ci+vi+mi in eine Summe der eingesetzten Kapitale wi=γi+φi+μi, indem man die Produktionsmittel vom Typ c zu konstantem Kapital, die vom Typ v wie Lebensmittel zu variablem Kapital und die Arbeitskraft m zu Mehrwert ernennt. Kurz, man braucht nur γi:=ci, φi:=vi und μi:=mi zu setzen und der Sache nach die Funktionen der Elemente des Kapitals mit bestimmten Gebrauchswerten der Warenkomponenten zu identifizieren. Außerdem muss man noch die zugesetzte Arbeitskraft zu Mehrwert erklären. Nachdem Bortkiewicz beides erledigt hat, behauptet er, dass die folgenden Gleichungen zwischen den Kapitalelementen

c1+v1+m1=c1+c2+c3,


c2+v2+m2=v1+v2+v3,


c3+v3+m3=m1+m2+m3

ein System der einfachen Reproduktion repräsentieren.

 

Wir behaupten, dass ein solches System gar nicht existieren kann oder dass es inkonsistent ist. Vom Standpunkt der Marxschen Theorie ist es, um es kurz und bündig zu sagen, gedankenloser Murks. Denn offenbar hat Bortkiewicz weder den Unterschied zwischen konstantem und variablem Kapital, noch den zwischen zugesetzter Arbeitskraft und Mehrwert verstanden. Jedenfalls wirft er die Funktionen des Gebrauchswerts und des Tauschwert der Waren, sowie die Prozesse der unmittelbaren Produktion von Gebrauchswerten und der Verwertung des Warenwerts in einen Topf. Er hebt auf diese Weise den Unterschied zwischen den einfachen und kapitalistischen Waren und sogar den zwischen dem System der einfachen und der kapitalistischen Warenproduktion auf. Infolgedessen werden die kapitalistischen Kosten falsch bestimmt und die Begriffe der Mehrwertrate und der organischen Zusammensetzung des Kapitals verlieren ihren Sinn. Insbesondere liefert sein System keine Erklärung für den Ursprung des Mehrwerts.

 

Da Bortkiewiczs Methode freilich in zahllosen wissenschaftlichen Publikation ohne Vorbehalte kritiklos akzeptiert und reproduziert worden ist, gehen wir nun etwas ausführlicher darauf ein.

 

Einfache und kapitalistische Kosten

 

Solange die Produzenten mit Produktionsmitteln produzieren, die sie selbst besitzen, und ihre Waren zu deren Kosten tauschen, sind die Preise nur abhängig von der benötigten Arbeitszeit, insbesondere aber unabhängig davon, wer sie produziert. Man muss einfach alles zusammenzählen, was bei ihrer Produktion verbraucht worden ist. Es macht dabei keinen Unterschied, ob ihr Produzent das eine oder andere Produktionsmittel von einem Lieferanten besorgt oder ob er alle Zutaten selbst produziert hat. Beim Tausch geht es schließlich nur um die Wahrung der Besitzstände.

Anders verhält es sich in der kapitalistischen Warenproduktion, wenn die einen die Produktionsmittel besitzen und die Arbeiter für Lohn arbeiten müssen. Der Kapitalist kauft Produktionsmittel und Arbeitskraft, um beim Verkauf seiner Waren Profit zu machen und sein Kapital zu vermehren. Klären wir, woher letzterer kommt. Der Kapitalist kann als Warenproduzent einerseits nur Profit machen, wenn der Verkaufspreis seiner Ware höher ist als deren Kosten. Andererseits können seine Preise nicht systematisch über dem liegen, was die Produktion der Ware kostet, denn sonst müssten andere Kapitalisten regelmäßig Minus machen. Alle Kapitalisten erwarten aber im Prinzip Profit mit gleicher Rate auf ihre Kosten. Der Kapitalist muss also seine Waren einerseits zu ihren wirklichen Kosten verkaufen, andererseits zu seinem Kostpreis plus Profit. Marx hat den scheinbaren Widerspruch aufgelöst. „Was die Ware den Kapitalisten kostet und was die Produktion der Ware selbst kostet, sind allerdings zwei ganz verschiedne Größen“, sagt Marx. Der Kapitalist kann also Profit machen, weil und nur weil seine Kosten niedriger sind als die wirklichen Kosten. Das zum ersten.

 

Wie ist es nun aber möglich, dass die kapitalistischen Kosten der Waren unter die wirklichen Kosten fallen. Auch Marx wusste, „dass die Elemente des produktiven Kapitals in der Regel auf dem Markt gekauft sind.“ (III169) Und für diese muss der Kapitalist selbstverständlich die wirklichen Kosten verrechnen. Andere Produktionsmittel hingegen lässt er von seinen Arbeitern für Lohn herstellen. Schließlich verarbeitet er alle seine Produktionsmittel mit Hilfe von Arbeitskraft zu Waren. Diese Arbeitskraft schafft Neuwert. Wesentlich ist nun, dass diese Arbeitskraft der Ware mehr Wert zusetzt, als sie den Kapitalisten an Lohn kostet. Dadurch sinken seine Kosten der Ware unter deren Wert. Der Kapitalist kann also seine Kosten für die Ware unter deren wirkliche Kosten senken, weil und insofern er lebendige Arbeitskraft einsetzt und weil und nur weil der Kaufpreis der Arbeitskraft für eine bestimmt Dauer niedriger ist als der Wert, den sie in dieser Zeit produziert. Die Differenz zwischen den wirklichen Kosten dieser Produktionsmittel und ihren kapitalistischen Kosten aber ist der Mehrwert, auf den es der Kapitalist abgesehen hat.

 

Für einen Teil seiner Produktionsmittel zahlt der Kapitalist also, was sie in Arbeit kosten, die übrigen kosten ihn weniger. Außerdem kostet ihn die zugesetzte Arbeitskraft weniger als den Wert, den sie der Ware zusetzt. Insgesamt kostet ihn die Ware dann weniger als diese Arbeitswert repräsentiert. Den Wertüberschuss eignet sich der Kapitalist auf Grund seines Eigentums an den Produktionsmitteln als seinen Mehrwert an. Per Saldo hat er etwas zu verkaufen, das ihn nichts gekostet hat. Dadurch kann er seinen regulären Profit machen.

 

Im Unterschied zum oben erwähnten einfachen Warenproduzenten kalkuliert der Kapitalist nicht, wie viel Arbeit insgesamt in seiner Ware steckt, er bestimmt nicht die wirklichen Kosten der Produktion, sondern zählt zusammen, was die Produktion ihn kostet. Da er aber seine Kosten nur vermittelst der Lohnarbeit unter den Wert der Ware drücken kann, hängen seine Kosten der Ware nun sehr wohl ab davon, in welchem Umfang er seine Produktionsmittel kauft oder stattdessen Arbeitskraft kauft und sie selbst herstellt. Die Differenz seiner Kosten zu den wirklichen Kosten eignet sich der Kapitalist an. Und beim Warentausch geht es jetzt nicht bloß um die Wahrung des Besitzstandes der Produzenten wie zuvor, sondern um die Realisierung des Mehrwerts. Der Produktionsprozess der Mittel zum Leben der Menschen wird auf diese Weise zum Mittel der Vermehrung des Reichtums der Eigentümer der Produktionsmittel und damit in der Hauptsache einem fremden Zweck unterworfen. Das Kapital in dieser Funktion ist sich selbst verwertender Wert.

 

Konstantes und variables Kapital

 

Der Kapitalist rechnet seinen Profit auf seine gesamten Kosten, so dass es so aussieht, als ob sich das vorgeschossene Kapital gleichmäßig vermehrt hat. Faktisch verteilen sich seine Kosten aber nicht gleichmäßig auf die Elemente seiner Warenproduktion. Diese zerfallen in zwei Kategorien je nach ihrer Funktion bei der Verwertung seines Kapitals.

 

Zum einen geht es um die sachlichen Mittel der Warenproduktion, die nicht im aktuellen Produktionsprozess entstehen und deren Wert daher auch nicht im aktuellen Produktionsprozess geschaffen wird. Er wird nur vermittelst der lebendigen Arbeitskraft auf das Produkt übertragen, so dass sie später aus dem Erlös der Ware zurückgekauft werden können. Das Kapital, das für diese Mittel ausgelegt wird, erzeugt weder neuen Wert noch Mehrwert; Marx hat es daher als konstantes Kapital bezeichnet. Insbesondere fallen alle gekauften Produktionsmittel unter das konstante Kapital, und zwar völlig unabhängig von ihrem Gebrauchswert. Sie verursachen ausschließlich Kosten. Sogar der Profit des Verkäufers dieser Waren geht auf Kosten des Käufers. Der Sache nach besteht das konstante Kapital aus Produktionsmitteln, welche den Einsatz von Lohnarbeit ermöglichen, oder aus solchen, auf welche die Arbeitskraft angewendet wird. Soweit das konstante Kapital selbst das Ergebnis von Arbeit ist, handelt es sich um solche, die für einen anderen Kapitalisten verausgabt worden ist, oder zwar für den selbigen, aber in einem früheren Produktionsprozess. Es handelt sich dann um Mittel, die jedenfalls im aktuellen Produktionsprozess nicht durch Lohnarbeiter für Rechnung des Kapitalisten hergestellt, sondern daselbst nur verbraucht, verändert, benutzt oder verschlissen werden.

Marx nennt sie vergangene oder tote Arbeit im Gegensatz zur lebendigen Arbeit, also der Arbeitskraft, die der Kapitalist für den aktuellen Produktionszyklus eingekauft hat, auf dass sie für ihn Neuwert bildet, von dem er sich einen Teil unbezahlt aneignet. Hierbei geht es um die Arbeitskraft, mit deren Hilfe er eigene Produktionsmittel und insbesondere seine Ware herstellen lässt. Die Arbeitskraft verbraucht Lebensmittel, vernichtet dabei sowohl deren Gebrauchswert als auch deren Tauschwert und produziert im Gegenzug Neuwert. Der Kapitalist zahlt zwar den Preis der Arbeitskraft in Form des Lohnes, der ausreicht, um die verbrauchten Lebensmittel zurückzukaufen. Der Preis für den Gebrauch der Ware Arbeitskraft für eine bestimmte Dauer, alias deren Tauschwert, ist aber niedriger als der Neuwert, den sie in eben dieser Zeit schafft. Indem sie nun mehr schafft, als sie selbst kostet, produziert sie einen Überschuss und daher einen Mehrwert on top, der den Kapitalisten nichts kostet, wodurch die Kosten seiner Ware unter deren wirkliche Kosten sinken. Das Kapital, das er dafür verauslagt, vermehrt sich um diese Differenz zwischen den kapitalistischen und den wirklichen Kosten, weshalb Marx es variabel genannt hat.

 

Konstant heißt also der Teil des vorgeschossenen produktiven Kapitals, dessen Wert im aktuellen Produktionsprozess nicht gebildet, sondern lediglich in das Produkt übertragen und beim Verkauf der Ware ersetzt, aber nicht verändert wird. Neuen Wert und Mehrwert bildet nur die menschliche Arbeitskraft, und der Mehrwert insbesondere kommt nur aus der unbezahlten Arbeit der Lohnarbeiter. Dementsprechend heißt der Teil des Kapitals variabel, der gegen Arbeitskraft getauscht wird und durch deren Gebrauch wächst. An die Stelle des verausgabten variablen Kapitals φ tritt im Produkt der Neuwert φ+μ.

 

Bortkiewiczs Verwandlungskünste

 

Bortkiewicz hat offenbar gar nichts davon verstanden. In seiner Darstellung der Warenwerte wi=ci+vi+mi stehen die Symbole ci und vi für die Tauschwerte von Kategorien von Gebrauchswerten. Aber er erklärt alle Produktionsmittel ci zu konstantem Kapital und alle Lebensmittel vi zu variablem Kapital. Bortkiewicz erklärt also den Tauschwert vi der Lebensmittel zu variablem Kapital, weil und insofern sie Lebensmittel für Arbeiter sind, und fragt nicht lange, ob das dafür eingesetzte Kapital in seinem Modell denn überhaupt als variables Kapital fungieren kann. Den Wert aller restlichen sachlichen Produktionsmittel macht Bortkiewicz zu konstantem Kapital, weil sie Produktionsmittel aber keine Lebensmittel sind, und daher wiederum auf Grund ihres Gebrauchswertes. Die zugesetzte Arbeitskraft schließlich identifiziert er insgesamt mit dem unbezahlten Teil der Arbeit, dem Mehrwert, weil ihr Produkt wie eine Luxusware aussieht. Er identifiziert also die Warenwerte mit den Elementen des Kapitals allein auf Grund der Gebrauchswerte dieser Waren statt auf Grund ihrer Verwertung. Die Gebrauchswerte der Waren haben aber mit der Verwertung der ihnen zugeschriebenen Tauschwerte absolut nichts zu tun.

 

Obwohl Quaas beteuert, dass Bortkiewicz Ansatz in keinem einzigen Punkt im Widerspruch zu Marx’ Intentionen steht, desavouiert der Professor von Anfang an voll total, was sich wie ein dickes rotes Tau durch das gesamte Werk des „Kapital“ zieht, dass die Waren und ihr Produktionsprozess Doppelcharakter haben. Die Arbeitsprodukte sind widersprüchliche Einheit von Gebrauchswert und Wert, der Produktionsprozess von Waren im Allgemeinen ist dementsprechend unmittelbarer Produktionsprozess von Gebrauchswerten und zugleich Wertbildungsprozess, und der kapitalistische Produktionsprozess insbesondere ist unmittelbarer Produktionsprozess von Nützlichem und Verwertungsprozess von Kapital. Außer dem Produktionsprozess, den der Kapitalist organisiert, gibt es keinen Zusammenhang zwischen den beiden Kategorien. Der Gebrauchswert einer Ware hat nichts mit ihrem Wert zu tun, und der Arbeitswert ihrer Komponenten sagt umgekehrt nichts über deren Gebrauchswert aus. Und da die Verwertung des Kapitals eine Funktion seines Tauschwertes ist, kann prinzipiell jede Ware, welchen Gebrauchswert auch immer sie hat, sowohl die Rolle von variablem als auch von konstantem Kapital übernehmen. Wenn ein Kapitalist Maschinen in Lohnarbeit herstellen lässt, ist das dafür vorgeschossene Kapital variabel, und wenn er die Lebensmittel kauft, ist das dafür eingesetzte Kapital konstant.

 

Bortkiewicz aber beachtet nicht den prinzipiellen Unterschied zwischen variablem und konstantem Kapital, ob es nämlich Arbeitskraft in Bewegung setzt und Wert und Mehrwert produziert oder ob es in seiner gegenständlichen Form bloß noch den Wert transportiert, den Arbeitskraft zuvor geschaffen hat. Er unterschlägt insbesondere den Unterschied, ob ein Kapitalist ein Produktionsmittel von eigenen Lohnarbeitern herstellen lässt oder ob er es auf dem Markt beschafft. Letztlich ignoriert auf diese Weise das Privateigentum an den Produktionsmitteln, durch das sich die Besitzenden an der Arbeit der Nichtbesitzenden bereichern. Mit einem Wort, er verkennt das Wesen und den Zweck der kapitalistischen Produktionsweise überhaupt, so dass sein Ansatz nicht in keinem, wie die Expertin Quaas meint, sondern in jedem wesentlichen „Punkt im Widerspruch zu Marx’ Intentionen“ steht.

 

Über einfache und kapitalistische Waren

 

Jede Ware hat eine Darstellung w=c+v+m als Summe der Werte der verbrauchten Produktionsmittel c, der verzehrten Lebensmittel v und dem Wert m, den die Arbeitskraft zusätzlich gebildet hat. Nun ist jede kapitalistisch produzierte Ware eine Ware, aber nicht jede Ware ist eine kapitalistische Ware. Jede kapitalistisch produzierte Ware hat außerdem eine Darstellung der Form w=γ+φ+μ, worin das konstante Kapital durch γ, das variable durch φ und schließlich der Mehrwert durch μ vertreten sind. Diese Darstellung schlüsselt auf zum einen, welcher Teil der Produktionsmittel sachlich oder passiv ist, und zum anderen, aus welchem Teil des Kapitals Neuwert entstanden ist und welcher Teil wiederum davon bezahlt wird und welcher nicht. Wenn eine Ware ab sofort kapitalistisch produziert wird, stellt sich die Frage nach dem Zusammenhang zwischen den beiden Darstellungen ein und desselben Arbeitswerts w=c+v+m und w=γ+φ+μ. Bortkiewicz setzt γ=c, φ=v und μ=m auf Grund der Gebrauchswerte von c, v und m. Im Allgemeinen ist das Käse, weil der Gebrauchswert eines Produktionsmittels nichts mit der Verwertung seines Tauschwerts zu tun hat.

 

Allgemein ist folgendes zu beachten. Der Wertteil c steht zunächst nur für ein Produktionsmittel, das benötigt wird und dessen Produktion die Arbeitsmenge c erfordert. Ob nun c unter kapitalistischer Regie als konstantes Kapital fungiert oder als variables, das ist weder durch seinen Gebrauchswert noch dadurch bestimmt, ob c überhaupt oder ob c nicht in Lohnarbeit gefertigt wurde, sondern es kommt einzig darauf an, ob der kapitalistische Produzent das in Rede stehende Mittel c im aktuellen Produktionsprozess von seinen eigenen Lohnarbeitern herstellen lässt oder nicht, und ob sich dementsprechend das dafür beigebrachte Kapital für ihn verwertet oder nicht. Wenn e.g. der Kapitalist c käuflich erwirbt, dann bezahlt er den Geldwert von c und erhält diesen beim Verkauf seiner Ware aus dem laufenden Produktionsprozess ersetzt. Dann fungiert c offenbar als konstantes Kapital, so dass c unter die Rubrik γ fällt.

 

Wenn das Produktionsmittel c dagegen von den Arbeitern des Kapitalisten gemacht wird, dann wird c als Neuwert produziert und dann wird ein Teil des Werts von c als Lohn vergütet, während der Rest unbezahlt bleibt und unter den Mehrwert fällt. Will man quantifizieren, welcher Anteil des Neuwerts zu Lohn und welcher zu Mehrwert wird, so muss man die Mehrwertrate σ zu Hilfe nehmen. Der Anteil c/(1+σ) von c wird zu Lohn und fällt damit unter das variable Kapital φ; der Rest σc/(1+σ) wird zu Mehrwert. Genau dieselben Kriterien gelten für die Entscheidung, ob sich die Lebensmittel v in konstantes oder variables Kapital verwandeln, wenn die Ware ab sofort kapitalistisch produziert wird. Die numerische Größe von σ ist im letzteren Fall wieder maßgeblich für die Aufteilung von v in variables Kapital und den komplementären Mehrwert, weil man in der Theorie davon ausgeht, dass die Mehrwertrate einheitlich ist.

 

Es kann also sein, dass c zu konstantem und v zu variablem Kapital wird. Es kann aber genauso gut sein, dass c und v ihre Rollen tauschen. Es kann ferner sein, dass sowohl c als auch v gekauft werden und daher als konstantes Kapital fungieren, oder schließlich, dass beide als Neuwert produziert werden und dass daher jeweils ein Teil ihres Wertes unter das variable Kapitals fällt.

Die Komponente m schließlich steht zunächst für zusätzliche Arbeitskraft. Sie geht genau wie der reproduzierte Teil des Produktes anteilig in variables Kapital und Mehrwert über. Denn sie wird nicht entsprechend dem Wert bezahlt, den sie schafft, sondern gemäß ihrem geringeren Tauschwert m/(1+σ). Den Rest σm/(1+σ) vom Wert m verleibt sich der Kapitalist leistungslos ein.

 

Verwandlung des Wertsystems in ein kapitalistisches System

 

Wir konkretisieren diese allgemeinen Überlegungen, indem wir das einfache Wertsystem BS von Bortkiewicz in ein kapitalistisches Reproduktionsmodell verwandeln. Dabei stellt sich heraus, dass der Zusammenhang zwischen dem Wert der Produktionsmittel und der Funktion ihres Tauschwertes als Kapital durch den Kontext des ökonomischen Modells bestimmt und daher insbesondere durch die Verteilung des Eigentums an den Produktionsmitteln. Die Abteilung I produziert die Waren w1=c1+c2+c3 und verwendet dazu die Produktionsmittel c1 und v1 und die Arbeitskraft, die den Wert m1 erzeugt. Offenbar stellt sie die Lebensmittel v1 nicht selbst her, sondern kauft sie von der Abteilung II. Damit vergeben sich die Kapitalisten aus Abteilung I die Möglichkeit, bei der Erzeugung von v1 selbst Lohnarbeit auszubeuten und unbezahlte Mehrarbeit einzuheimsen. Sie realisieren mit dem Kaufpreis für die Lebensmittel v1 nicht etwa eigenen, sondern fremdem Profit. Der Wert von v1 geht daher voll auf ihre Kosten. Sie können bestenfalls hoffen, das für die Lebensmittel v1 verauslagte Kapital mit dem Erlös aus dem Verkauf ihrer Waren c2 und c3 wieder einzufahren, so dass sie die verbrauchten Lebensmittel für die Wiederholung des Produktionsprozesses zurückkaufen können. Daraus folgt, dass die Lebensmittel v1 der Abteilung I im Widerspruch zu der Behauptung von Bortkiewicz, die seit über 100 Jahren in der Marx kritischen Literatur wiedergekäut wird, nicht als variables Kapital fungieren können. Die Lebensmittel v1 verwandeln sich nicht in variables, sondern notwendigerweise in konstantes Kapital.

 

Mit den Produktionsmitteln c1 verhält es sich gerade umgekehrt. Man hat sie bisher stets und ohne Bedenken zum konstanten Kapital der Abteilung I erklärt. Da sie aber daselbst für die Produktion von c2 und c3 verbraucht und in Lohnarbeit für die Kapitalisten dieser Abteilung reproduziert werden, ist c1 Teil ihres Neuwerts. Der gesamte Neuwert der Abteilung I kann nicht separat in Warenform ausgedrückt werden, er ist enthalten in den Produkten c1, c2 und c3. Sein Umfang beträgt insgesamt c1+m1. Seine Kosten belaufen sich auf den Anteil (c1+m1)/(1+σ). Sie gehen als Arbeitslohn drauf und sind betragsgleich mit dem variablen Kapital der Abteilung. Den restlichen Teil des Neuwerts, σ(c1+m1)/(1+σ), verbuchen die Kapitalisten als ihren Mehrwert. Damit ist für die Abteilung I der Zusammenhang zwischen der Darstellung ihres Produktionsergebnisses als einfache Ware und als kapitalistische Ware geklärt. Die kapitalistisch produzierten Waren w1 erhalten zusätzlich zur Darstellung w1=c1+v1+m1 durch die Werte der verbrauchten Produktionsmittel noch die Darstellung w1=v1+(c1+m1)/(1+σ)+σ(c1+m1)/(1+σ) durch die verbrauchten Funktionselemente des Kapitals.

 

Aus dieser Darstellung des Warenkapitals ergeben sich nun weitere Bedingungen für die kapitalistische Reproduktion des ökonomischen Systems. Zum einen muss das variable Kapital so bemessen sein, dass damit die Produktionsmittel c1 reproduziert werden können. Es muss also einerseits (c1+m1)/(1+σ)≧c1 sein. Zum anderen kann der Mehrwert nicht größer sein als die zugesetzte Arbeit m1 insgesamt, so dass m1≧ σ(c1+m1)/(1+σ) gelten muss. Aus beiden Ungleichungen ergibt sich ein und dieselbe obere Schranke für die Mehrwertrate; es muss stets σ≦m1/c1 gelten.

 

Gehen wir nun hinüber zur Abteilung II im Wertschema von Bortkiewicz. Hier sind die Rollen der Gebrauchswerte im Vergleich mit Abteilung I geradewegs vertauscht. Sie produziert die Lebensmittel v2 und kauft c2. Da sie die Produktionsmittel c2 von der Abteilung I kauft, geht der Posten c2 zweifelsfrei und ausnahmsweise in Übereinstimmung mit den Verwandlungskünsten von Bortkiewicz in konstantes Kapital über. Andererseits werden die Lebensmittel v2 nun zwar in Lohnarbeit produziert, aber das variable Kapital kann sich darin nicht erschöpfen. Insgesamt produziert die Abteilung II durch Lohnarbeit einen Neuwert in Höhe von v2+m2. Dazu muss sie variables Kapital in Höhe von (v2+m2)/(1+σ) aufbringen, das wiederum einen Mehrwert in Höhe von σ(v2+m2)/(1+σ) generiert. Da das variable Kapital ausreichen muss, um die Lebensmittel v2 zu reproduzieren, muss v2≦ (v2+m2)/(1+σ) sein. Die unbezahlte Arbeit kann wiederum nicht größer als m2 sein, so dass gelten muss σ(v2+m2)/(1+σ)≦m2. Aus diesen Beziehungen ergibt sich die obere Grenze σ≦m2/v2 für die Mehrwertrate. Da die Mehrwertrate theoretisch einheitlich ist, muss sie jetzt die beiden oberen Schranken respektieren und somit die Ungleichung σ≦min{m1/c1, m2/v2} erfüllen.

 

Wenden wir uns schließlich der dritten Abteilung zu. Sie kauft alle sachlichen Mittel für ihre Produktion auf dem Markt, die Produktionsmittel c3 von der ersten und die Lebensmittel v3 von der zweiten Abteilung, so dass das hierfür vorgeschossenen Kapital notwendig konstant bleibt. Wenn nun m3 insgesamt Mehrwert ist, wie Bortkiewicz bisher unwidersprochen behaupten durfte, dann muss, wie Marx aus dergleichen Argumentation glasklar gefolgert hat, dieser Mehrwert aus lauter nichts entstanden sein. Will man aber Realist bleiben und den Mehrwert erklären, ohne die Urschöpfung alltäglich in Anspruch zu nehmen, so folgt zwingend, dass m3 den von der Abteilung produzierten Neuwert darstellt, der sich dann zum einen Teil aus bezahlter und zum anderen Teil aus unbezahlter Arbeit zusammensetzt. Der Teil m3/(1+σ) muss erst als variables Kapital verausgabt werden, bevor der restliche Teil σm3/(1+σ) von m3 als Mehrwert abgeräumt werden kann. Das von der dritten Abteilung produzierte Warenkapital hat dann die Form w3=c3+v3+m3/(1+σ)+σm3/(1+σ), worin γ3=c3+v3 das konstante und φ3=m3/(1+σ) das variable Kapital und μ3=σm3/(1+σ) den Mehrwert ausmachen. Theoretisch kann die Ausbeutung in dieser Abteilung hemmungslos sein, weil die Ungleichung σm3/(1+σ)≦m3 stets erfüllt ist. Praktisch müssen sich die Kapitalisten am Riemen reißen und sich an die oben gesetzten Bedingungen für die Mehrwertrate σ halten.

 

Ergebnisse der Systemtransformation

 

Wir haben beschrieben, welche Kapitalfunktionen die Werte der Produktionsmittel im Reproduktionssystem BS übernehmen, wenn die Produktion daselbst kapitalistisch betrieben wird. Wir fassen die Ergebnisse der Systemtransformation zusammen. Es bezeichnen noch immer, jeweils in der i-ten Abteilung, einerseits ci und vi die Werte der Produktionsmittel resp. der Lebensmittel und mi den Wert, den die Arbeitskraft schafft, und andererseits γi das konstante Kapital, φi das variable und μi den Mehrwert. Bortkiewicz hat in seinem „korrekten“ Verfahren das Wertsystem ganz unbedarft unter das Kapital subsumiert, indem er die Produktionsmittel auf Grund ihrer Gebrauchswerte mit bestimmten Kapitalfunktionen nach dem Motto γi=ci, φi=vi und μi=mi identifiziert hat. Dabei gehen die Produktionsmittel in das konstante, die Lebensmittel in das variable Kapital und die zugesetzte Arbeitskraft in den Mehrwert über. Die kapitalistischen Kosten der Produktion erhalten dann die Form κwi=γi+φi=ci+vi. F. Quaas hat die Meinung der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu dieser Wandlung zusammengefasst und Bortkiewicz bescheinigt, dass sein „Ansatz … in keinem einzigen Punkt im Widerspruch zu Marx’ Intentionen“ steht.

 

Wir behaupten dagegen, dass die Funktionselemente der Warenkapitale nicht durch ihre Gebrauchswerte bestimmt sind, sondern durch ihre Verwertungsbedingungen unter dem kapitalistischen Regime. Wir gelangen daher zu folgendem Ergebnis.

γ1 = v1, φ1 = (c1+m1)/(1+σ) und μ1 = σ(c1+m1)/(1+σ),


γ2 = c2, φ2 = (v2+m2)/(1+σ) und μ2 = σ(v2+m2)/(1+σ),


γ3 = c3+v3, φ3 = m3/(1+σ) und μ3 = σm3/(1+σ).

Mit Hilfe dieser Beziehungen lassen sich die Darstellungen der Warenwerte durch die Werte der verbrauchten Produktionsmittel in Darstellungen der Warenkapitale wi=γi+φi+μi und der kapitalistischen Kosten κwi=γi+φi durch die vorgeschossenen Kapitale und den Mehrwert verwandeln. Zum Beispiel geht die Darstellung des Werts aus der bisherigen Lesart w1=c1+v1+m1 in die kapitalistische Form w1=v1+(c1+m1)/(1+σ)+σ(c1+m1)/(1+σ) über. Ihre Kosten nehmen jetzt statt κw1=c1+v1 die Form κw1=v1+(c1+m1)/(1+σ) an.

 

Wir tragen noch einige Beobachtungen zusammen, die sich aus den Ergebnissen der Systemtransformation ergeben. Das gesamte konstante Kapital der Ökonomie ist Γ=v1+v3+c2+c3 statt C=c1+c2+c3, das variable Φ= (c1+v2+M)/(1+σ) mit M=m1+m2+m3 statt V=v1+v2+v3 und der Mehrwert beträgt insgesamt S=σ(c1+v2+M)/(1+σ) statt M=m1+m2+m3. Die Gesamtkosten der Produktion sind gleich der Summe aus dem konstanten und dem variablen Kapital und belaufen sich auf Γ+Φ statt auf C+V. Die Profitrate schließlich ist gegeben durch r=S/(Γ+Φ). Dem Begriff nach ist sie, exakt wie Marx es beschrieben hat, das Verhältnis aus dem Mehrwert und den kapitalistischen Kosten. Sie nimmt unmittelbar die etwas unübersichtliche Form r=[σ(c1+v2+M)/(1+σ)]/[v1+v3+c2+c3+(c1+v2+M)/(1+σ)] an. Wir führen daher Abkürzungen ein. Schreibt man E für den Gesamtwert der Produktionsmittel, die jeweils von den Lohnarbeitern der Abteilungen produziert werden, die sie verbrauchen, F für den Gesamtwert der gekauften Produktionsmittel und W für den Wert aller erzeugten Produkte, dann ist E=c1+v2, F=v1+c2+c3+v3 und W=E+F+M. Mit diesen Abkürzungen lässt sich die Profitrate vereinfacht darstellen durch r=σ(E+M)/(W+Fσ).

 

Vergleichen wir noch die Gesamtkosten κW=Γ+Φ mit C+V. Wenn die Ausbeutungsrate die oben angegebene Bedingung σ≦min{m1/c1, m2/v2} erfüllt, dann ist stets Γ+Φ>C+V. Das besagt, dass Bortkiewicz in seinem Schema die Kosten der Produktion systematisch zu niedrig berechnet. Umgekehrt gibt er den Gesamtmehrwert μW mit M regelmäßig zu groß an. Der Mehrwert μW kann niemals die gesamte zugesetzte Arbeitskraft ausmachen, weil immer ein Teil von m3 bezahlt werden muss. Aus beiden Feststellungen ergibt sich, dass Bortkiewicz die Profitrate als Verhältnis des Mehrwerts zu den Kosten zu hoch ansetzt. Die tatsächliche Profitrate in der Ökonomie von Bortkiewicz ist R=μW/κW und das ist stets kleiner als r=Mz/(xC+yV).

 

Offenbar unterscheidet sich unser Ergebnis aus der Verwandlung des Wertsystems in ein kapitalistisches System stark von den herkömmlichen Erkenntnissen. Übereinstimmung besteht nur insoweit, als die Produktionsmittel c2 und c3 beide Male in konstantes Kapital verwandelt werden. Alles übrige ist verschieden. Bortkiewicz hat die Lebensmittel v1 und v3 zu variablem Kapital erklärt, wir haben sie dem konstanten Kapital zugeschlagen. Bortkiewicz macht vi zum variablen Kapital und mi zum Mehrwert in jeder Abteilung, wir ernennen die Wertbeträge c1+m1, v2+m2 und m3 zum Neuwert der jeweiligen Abteilung und beschreiben die variablen Kapitale φi respektive durch (c1+m1)/(1+σ), (v2+m2)/(1+σ) und m3/(1+σ) und die Mehrwerte μi der Reihe nach durch σ(c1+m1)/(1+σ), σ(v2+m2)/(1+σ) und σm3/(1+σ). Die organische Zusammensetzung γi/φi des Kapitals der Abteilungen ist der Reihe nach durch v1(1+σ)/(c1+m1), c2(1+σ)/(v2+m2) und (c3+v3)(1+σ)/m3 dargestellt. Die Quotienten ci/vi dagegen sind wie Kraut und Rüben, mal steht variables Kapital im Zähler, mal im Nenner, mal konstantes im Nenner mal im Zähler.

 

Mehrwertraten

 

Wir haben schon erwähnt, dass die Mehrwertrate nach Marxscher Ansicht für alle Kapitalisten einheitlich sein muss. Bortkiewicz hat nun im Zuge seiner „fundamentalen Berichtigung“ des Marxschen Preisbildungsverfahrens ebenfalls vorausgesetzt, dass die Verhältnisse mi/vi in seinem Wertemodell BS alle gleich sind. Aber das Wertsystem, von dem Bortkiewicz ausgeht, gehört nicht zu einer kapitalistischen, sondern zu einer einfachen Warengesellschaft. Daher gibt es keinen ökonomischen Grund, weshalb die Quotienten mi/vi in allen Abteilungen denselben Wert annehmen sollten. Die Voraussetzung kann folglich höchstens durch Zufall erfüllt sein und stellt insofern eine äußerst restriktive Bedingung dar, weil sie die Zahl der möglichen Wertsysteme stark einschränkt. Nur drei der sechs Größen vi und mi sind ja dann noch frei wählbar. Demgegenüber bezieht sich die wohlverstandene Forderung nach einer einheitlichen Mehrwertrate lediglich auf die Aufteilung des Neuwerts und zieht daher keinerlei Einschränkung für die numerischen Werte von c1, v2 und die mi nach sich.

Wir haben schon oben aufgezeigt, dass die Bedingung einheitlicher Quotienten mi/vi im Wertsystem obendrein völlig nutzlos ist. Denn in dem zugehörigen Preissystem sollten die Verhältnisse πmi/πvi zwar einheitlich sein. Wenn sie es aber sind, dann sind die Reproduktionsbedingungen nicht erfüllt.

Abgesehen davon, dass die Verhältnisse πmi/πvi im System der Preise nicht einheitlich sind, ergibt das Verhältnis dort gar keinen Sinn. Denn die Mehrwertrate in dem kapitalistischen System ist durch das Wertverhältnis μi/φi des Mehrwerts zum variablen Kapital beschrieben aber nicht durch mi/vi. Im Wertsystem BS stehen die vi zwar allesamt für den Wert der Lebensmittel, aber diese werden erstens nicht notwendig und gegebenenfalls höchstens teilweise zu variablem Kapital. Es ist zwar richtig, dass die Lebensmittel v2 in der Abteilung II als Neuwert produziert werden, so dass zumindest der Wertanteil v2/(1+σ) von v2 als variables Kapital fungiert. Aber sowohl die Lebensmittel v1 als auch v3 werden käuflich erworben, so dass das dafür aufgebrachte Geld sich nicht verwertet. Dann aber sagen die Verhältnisse m1/v1 und m3/v3 absolut nichts aus über den Grad der Ausbeutung von Lohnarbeit durch die Kapitalisten.

Außerdem stellen die mi in dem Wertsystem die je Abteilung zugesetzte Arbeitsmenge dar, und die kann bei der Unterwerfung unter kapitalistische Produktionsverhältnisse nicht vollständig in Mehrwert übergehen. Allgemeinen gesehen ist der Mehrwert ein Teil des Neuwerts, den die Lohnarbeit schafft, und die Mehrwertrate ist das Teilungsverhältnis, in dem der Neuwert in Lohn und Mehrwert aufgeteilt wird. Der Neuwert beträgt c1+m1 in der ersten, v2+m2 in der zweiten und m3 in der dritten Abteilung. Die Forderung nach Einheitlichkeit der Mehrwertrate besagt, dass diese Neuwerte in allen Abteilungen in demselben Verhältnis in Lohn und in Mehrwert aufzuteilen sind. Wenn wir dieses numerische Verhältnis wieder mit σ bezeichnen, dann sind die Mehrwerte der Reihe nach durch μ1=σ(c1+m1)/(1+σ), μ2=σ(v2+m2)/(1+σ) und μ3=σm3/(1+σ) gegeben. In den ersten beiden Abteilungen kann die zugesetzte Arbeit zwar vollständig als Mehrwert eingesackt werden, in der dritten aber ist das unmöglich. Es ist nämlich m1=μ1 genau dann, wenn σ=m1/c1, und es ist m2=μ2 genau dann, wenn σ=m2/v2. Aber μ3 kann nicht gleich m3 sein, weil sonst σ/(1+σ)=1 oder σ=1+σ oder 0=1 sein müsste.

Schließlich ist noch anzumerken, dass die Mehrwertrate ein Maß für die Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital und daher kein reine ökonomische Größe ist. Sie wird zwar durch ökonomische Größen gemessen, aber im Rahmen ökonomischer Grenzen durch das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen der Kapitalisten und den Lohnarbeitern bestimmt. Um auszudrücken, dass die Mehrwertrate in einem allgemeinen kapitalistischen System durch Lohnerhöhung oder -senkung verändert werden kann, sollten die Größen μi und φi daher als Funktionen der Mehrwertrate σ dargestellt werden. Die Darstellungen durch mi/vi und πmi/πvi aber sind vollständig durch den Produktionsprozess bestimmt und stellen daher im Allgemeinen keine sinnvolle Definition der Mehrwertrate dar.

 

Keine Unterscheidung von variablem und konstantem Kapital

 

Bortkiewicz unterscheidet zwar nominell das konstante vom variablen Kapital und sein Verfahren sieht vor, dass die Werte der variablen Kapitale einheitlich mit y, die konstanten einheitlich mit x multipliziert werden, um sie in Preise zu verwandeln. Weil er aber die Verwertungseigenschaft eines Kapitals von seinem Gebrauchswert ableitet, geht der Vorsatz auf der operativen Ebene voll in die Hose. Denn faktisch zieht Bortkiewicz einerseits Kapitale, die die gleiche Verwertungsfunktion haben, auf verschiedene Weise in Mitleidenschaft, während er andererseits Elemente des Kapitals in einen Topf wirft, die verschiedene Funktion haben. Betrachten wir die gekauften Waren c2 und c3, sowie v1 und v3. Bortkiewicz transformiert im Rahmen seiner „korrekten“ Methode die ersten beiden mit x, die beiden anderen mit y, obwohl alle Elemente als gekaufte Waren unter das konstante Kapital fallen. Die Konfusion geht so weit, dass also nicht einmal das gesamte konstante Kapital c3+v3 in der Abteilung III auf einheitliche Weise behandelt wird, denn er macht daraus xc3+yv3. Genauso willkürlich geht Bortkiewicz mit dem variablen Kapital um.

 

Umgekehrt behandelt er Kapitalteile mit verschiedener Funktion auf ein und dieselbe Weise. Die erste Abteilung verbraucht und reproduziert die Produktionsmittel c1, während die zweite ihre Produktionsmittel c2 vom Markt holt. Gleichwohl erhalten beide, weil ihre Gebrauchswerte gleich sind, von Bortkiewicz denselben Faktor x verpasst. Mit den Lebensmitteln springt er ähnlich um. Die erste Abteilung kauft v1, die zweite produziert v2 selbst in Lohnarbeit, aber Bortkiewicz traktiert beide unterschiedslos mit y. Wenn es aber keinen Unterschied macht, ob der Kapitalist die Waren selbst herstellt oder kauft, dann scheidet unbezahlte Arbeit als Quelle des Mehrwerts und zugleich als Substanz des Profits aus. Bortkiewicz schlägt mit seinem Preisbildungsverfahren zwar Profit auf die Kosten, indem er sie mit (1+r) multipliziert, aber er verrät nicht, woher er kommt. Offenbar ist er der Auffassung, dass Profit schon dadurch entsteht, dass oder indem er verteilt wird. Nachdem Marx eine systematische Erklärung für die Herkunft des Profits aus unbezahlter Arbeit geliefert hatte, ist das objektiv ein herber Rückschlag für die Wissenschaft. Ihre Vertreter dulden ihn freilich nur zu gern.

 

Fassen wir zusammen. Bortkiewicz transformiert zwar die Elemente des Kapitals, aber er transformiert sie nicht entsprechend ihrer Funktion als Kapital, sondern nach ihrem Gebrauchswert, infolgedessen behandelt er das konstante Kapital hier anders als dort und das variable dort anders als hier. Im Ergebnis der „korrekten“ Methode von Bortkiewicz gestaltet sich die Verwandlung der Werte in Preise völlig willkürlich. Insbesondere so, dass der funktionale Unterschied zwischen beiden Arten des Kapitals aufgehoben und daher die Ursache für die Entstehung des Mehrwerts verloren geht. Aber Quaas sagt, dass der Ansatz von Bortkiewicz in keinem einzigen Punkt im Widerspruch zu den Marxschen Intentionen steht.

 

Allgemein kann gesagt werden, dass gekaufte Produktionsmittel nicht als variables Kapital fungieren können. Marx hat auf die Tatsache hingewiesen, „dass in der kapitalistischen Produktion die Elemente des produktiven Kapitals in der Regel auf dem Markt gekauft sind, ihre Preise also einen bereits realisierten Profit enthalten und hiernach der Produktionspreis eines Industriezweiges samt dem in ihm enthaltenen Profit, dass also der Profit des einen Industriezweigs in den Kostpreis des anderen eingeht.“ (III169) Der Kaufpreis v dieser Elemente tauscht sich nicht gegen Arbeitskraft. Die gekauften Elemente werden nicht von eigenen Lohnarbeitern des Käufers produziert oder reproduziert und können daher auch keine unbezahlte Mehrarbeit aufsaugen. Ihr Wert oder Preis wird auf das Produkt übertragen und fließt über den Verkaufspreis zurück, auf dass die verbrauchten Elemente für die Wiederholung des Produktionsprozesses zurückgekauft werden können.

 

Invarianz der Preise

 

Zwischen den drei Größen der individuellen Profitraten ri, den Mehrwertraten σi und den organischen Zusammensetzung der Kapitale qi besteht folgender rechnerischer Zusammenhang: ri= σi/(qi+1). Sind je zwei dieser Größen in allen Abteilungen gleich, dann ist auch die dritte überall dieselbe. Dabei ist es unerheblich, ob die Größen im Wertmaß oder in irgendeinem Preismaß gemessen werden.

Marx ging davon aus, dass die Waren ursprünglich zu ihren Werten getauscht wurde. Mit der Entstehung kapitalistischer Produktionsverhältnisse haben sich einheitliche Mehrwertraten herausgebildet. Da die organischen Zusammensetzungen der Kapitale i. A. ungleich sind, fallen die individuellen Profitraten dann wegen der obigen Gesetzmäßigkeit notwendig verschieden aus. Die Konkurrenz der Kapitale um den höchsten individuellen Profit drängt nun auf den Ausgleich der Profitraten. Er wird vermittelt durch die Produktionspreise, indem diese Mehrwert von Produzenten mit relativ niedrigem Anteil an konstantem Kapital an solche mit höherem umverteilen. Wenn aber Mehrwert umverteilt wird, dann sind die Outputpreise der Warenkapitale notwendig verschieden von deren Inputpreisen, einerlei, ob die letzteren in Geldwerten oder schon in Preisen angegeben sind, die sich von den Werten der Waren unterscheiden. Die individuellen Profitraten stellen sich in den nunmehr modifizierten Outputpreisen der Warenkapitale einheitlich dar. Das gilt freilich nicht notwendig zugleich für die organischen Zusammensetzungen dieser Kapitale; sie sind i. A. weiterhin verschieden. Denn zum einen findet die Umverteilung der Mehrwerte zwischen den Abteilungen statt und berührt gar nicht die Kosten der Produktion innerhalb derselben verändert daher auch nicht das Verhältnis der konstanten und variablen Kapitale. Es findet im Weiteren dann notwendigerweise noch eine Umverteilung innerhalb der Abteilungen statt. Es muss nämlich entweder der vergütete fremde Mehrwert innerhalb der Abteilung auf ihre verschiedenen Waren verteilt werden, oder es müssen umgekehrt Mehrwert von den einzelnen Waren eingesammelt werden, wenn die Abteilung Mehrwert abgeben muss. In beiden Fällen kann sich dabei die organische Zusammensetzung des Kapitals der Abteilung verändern. Dass sich freilich die organischen Zusammensetzungen dabei vereinheitlichen, wäre nur einem Zufall zu verdanken. Ohne Weiteres kann man daher davon ausgehen, dass die organischen Zusammensetzungen, wenn auch verändert, aber weiterhin nicht alle gleich sind und dass daher die Ursache für die ungleichen individuellen Profitraten auch unter den neuen Preisen weiterhin wirksam ist. Um letztere wiederum auszugleichen, müssen die Preise erneut modifiziert werden. Und diese Modifikation der Preise setzt sich fort, solange der Ausdruck der organischen Zusammensetzungen der Kapitale nicht einheitlich ist. Das letztere kann aber nur durch Zufall oder approximativ als Grenzwert ihrer Folgen eintreten.

 

Wir fassen den Entwicklungsprozess der Preise in einem Satz zusammen. Solange die Mehrwertraten einheitlich, die organischen Zusammensetzungen aber nicht alle gleich sind, stellen sich die individuellen Profitraten in den Inputpreisen verschieden dar, so dass zu ihrem Ausgleich Mehrwert zwischen den Abteilungen umverteilt wird und sich infolgedessen die Outputpreise von den Inputpreisen unterscheiden.

 

Bortkiewicz hat zwar den Zusammenhang zwischen den Mehrwertraten, den organischen Zusammensetzungen und den individuellen Profitraten zum einen und der allgemeinen Profitrate und den Produktionspreisen zum anderen theoretisch akzeptiert, aber er hat ihn faktisch durch seine Forderung konterkariert, dass die Outputpreise von Anfang an mit den Inputpreisen übereinstimmen. Dadurch wird das oben formulierte Gesetz der Entwicklung negiert. Seine logische Negation aber besagt: Wenn die Outputpreise nicht von den Inputpreisen abweichen, weil die individuellen Profitraten übereinstimmen und daher nichts umverteilt zu werden braucht, dann sind die Mehrwertraten nicht einheitlich oder die organischen Zusammensetzungen sind in allen Abteilungen notwendig dieselben.

Und siehe da! Bortkiewicz hat mit seinem Rechenbeispiel diese Argumentation voll bestätigt. Der Meister identifiziert zunächst die Produktionsmittel ci mit dem konstanten Kapital, die Lebensmittel vi mit dem variablen Kapital und die zugesetzte Arbeitskraft mit dem Mehrwert mi. Er setzt ferner voraus, dass die Quotienten mi/vi als vermeintliche Mehrwertraten alle gleich, dass dagegen die organischen Zusammensetzungen der Kapitale ci/vi und mit ihnen die individuellen Profitraten nicht alle gleich sind. Unter diesen Voraussetzungen fordert Bortkiewicz fordert alsdann, dass die Inputpreise mit den Outputpreisen übereinstimmen und erhält als Ergebnis, dass entweder die Mehrwertraten in Preisen πmi/πvi nicht einheitlich oder dass die organischen Zusammensetzungen πci/πvi alle gleich sind, wenn sich das System reproduziert. Kurz, er stellt das ganze Szenario der Preisentwicklung voll total auf den Kopf. Aber F. Quaas behauptet, dass Bortkiewiczs Ansatz in keinem einzigen Punkt im Widerspruch zu Marx’ Intentionen steht, und F. Quaas ist eine anerkannte Wissenschaftlerin. Somit ergibt sich die perverse Situation, dass die Quotienten mi/vi im Wertsystem einheitlich sind, wo es keine Mehrwertrate gibt, aber die Verhältnisse πmi/πvi im Preissystem, wo sie die Mehrwertraten darstellen sollten, nicht einheitlich sind, wo sie es sein müssten.

 

Preisinvarianz ist auch deshalb sinnlos, weil es nicht den kleinsten empirischen Hinweis und bisher auch nicht den Hauch eines theoretischen Beweises dafür gibt, dass es im Kapitalismus jemals zu konstanten Preisen kommen kann oder sogar muss. Alles, was man weiß, ist, dass die Inflation der säkulare Begleiter des Kapitalismus ist. Die Forderung, dass die In- und Outputpreise gleich sind, ist insbesondere dem Grunde heraus abenteuerlich, weil die Wert-Preis-Transformation durch sie aus jedem möglichen historischen Kontext gerissen wird. Sie liefert nämlich Null Erklärung dafür, wie die Preise überhaupt zustande kommen und zeigt keinen Weg auf, wie neue Waren in die Ökonomie eingebracht werden können. Beides kann nur durch den Zugriff auf ein großes Rechenzentrum geschehen.

 

Marx hatte die Auffassung vertreten, dass die Waren in der einfachen Warengesellschaft zu ihren Werten getauscht wurden und dass sich der Kapitalismus erst später entwickelt und den Warenaustausch auf Produktionspreise umgestellt hat. Mehr oder minder gewiss ist, dass sich das Kapital erst im 12. Jh. nach Christus in Oberitalien entwickelt hat. Ganz sicher indes ist, dass das Geld schon lange vorher erfunden ward, insofern ja der Herr Jesus für dreißig Silberlinge verraten worden sein soll. Die Marxsche Wert-Preis-Transformation kann somit zugleich als gedankliche Rekonstruktion des Übergangs von der einfachen Warenwirtschaft zur Herrschaft des Kapitals über die Produktion interpretiert werden. Bortkiewicz wendet sich entschieden gegen diese Auffassung. Die Preise sollen sich gerade nicht direkt aus den Warenwerten entwickelt haben. Sie können daher nur par ordre du mufti oktroyier worden sein. Da aber die Geschichtsschreibung davon nichts weiß, und da ferner die Outputpreise sämtlicher Waren gleich ihren Inputpreisen sind, müssen sie schon von allem Anfang her gegolten haben. Sie müssen daher entweder vom Himmel gefallen sein. Andernfalls müsste der Kapitalismus schon im Paradies geherrscht haben oder spätestens mit der Vertreibung von Adam und Eva aus ihm eingeführt worden sein. Die erste Annahme wirft freilich die Frage auf, weshalb, wie verlautet, bei der Abschiebung Gewalt nötig gewesen sein soll. Die Alternative, dass der Kapitalismus als Strafe für die Erbsünde eingeführt wurde, wäre freilich voll verständlich. Die meisten Menschen müssen nicht nur arbeiten und im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen. Sie würden sich vielleicht noch damit abfinden, unbezahlte Arbeit leisten zu müssen. Es kommt nun aber hinzu, dass sie sich obendrein noch mit den Bortkiewicz Preisen herumplagen müssen, die das Preisgesetz nicht achten, das Wertgesetz mit Füßen treten und permanent die Reproduktionsbedingungen verletzen. Das macht dann die eigentliche Härte der Strafe aus. Im Metaphysischen kann man den Preisen von Bortkiewicz dann doch noch einen Sinn zusprechen.

 

Zusammenfassung

 

Marx hat in seinem Gedankenmodell eine Gruppe von Kapitalen vorausgesetzt und in der Form wi=ci+vi+mi dargestellt, worin ci für das verausgabte konstante, vi für das verausgabte variable Kapital und mi für die unbezahlte Mehrarbeit stehen. Die Kapitalisten benutzen offenbar nur eigene Produktionsmittel. Die Entscheidung, welcher Teil ihres Kapitals variabel ist, liegt ganz bei ihnen selbst. Da sie über den Arbeitskräftemarkt konkurrieren, muss die Mehrwertrate mi/vi einheitlich sein. Marx bestimmt die Kosten mit κwi=ci+vi, die Durchschnittsprofitrate mit r=M/(C+V) und setzt dann die Produktionspreise fest durch πwi=ci+vi+r(ci+vi). Das ist alles vollkommen richtig.

 

Die Kritik behauptet nun erstens, dass die Marxsche Preistheorie, so wie sie im dritten Band des „Kapitals“ entwickelt wird, widersprüchlich ist, und dass sich die Arbeitswerttheorie als redundant erwiesen habe. (Q143)

 

Zweitens herrscht in der Literatur die Annahme vor, dass es Bortkiewicz als erstem gelungen ist, „eine korrekte Methode zur Transformation von Werten in Produktionspreise anzugeben,“ und dass ihm das Verdienst zukomme, die Wert- und die Preistheorie in einen sinnvollen Kontext gebracht zu haben. Dass sein Verfahren das Wertgesetz verletze, sei unerheblich. Nach Setons Ansicht gestatte das Prinzip der gleichen Profitrate in Verbindung mit der Wahl eines der möglichen Invarianzpostulate die vollständige Bestimmung der Preise. (Q94) In diesem Sinne sei das Transformationsproblem als gelöst zu betrachten.

 

Drittens wird erklärt, dass Bortkiewicz mit seiner Lösung das fehlerhafte Verfahren von Marx von Grund auf berichtigt habe, und zwar ohne den Rahmen der Marxschen Theorie dabei zu verlassen. Die These gipfelt in der Behauptung, dass Bortkiewiczs Ansatz „in keinem einzigen Punkt im Widerspruch zu Marx’ Intentionen“ steht. (Q64)

 

Viertens werden auf Grund des Verfahrens von Bortkiewicz allgemeine Schlussfolgerungen gezogen. Man kann sie in dem Standardwerk zum Transformationsproblem von F. Quaas und in konzentrierter Form in M. Heinrichs „Wissenschaft vom Wert“ nachlesen. Da wird dekretiert, dass die Preise nicht unmittelbar aus den Arbeitswerten berechnet werden dürfen, weil sonst „innerhalb ein und desselben Gleichungssystems die Inputs wertmäßig, die Outputs preismäßig ausgedrückt werden“, was nicht sein könne. Da wird getönt, dass „sich die immer noch unternommenen Versuche verbieten, die Marxsche Methode der Berechnung von Produktionspreisen aus Arbeitswerten zu rehabilitieren.“ Außerdem will man erkannt haben, dass die algebraische Behandlung des Transformationsproblems zwingend „die Einführung der Preiskoeffizienten“ erfordere. Ferner, dass die Lösung notwendig aus zwei Teilen bestehe, der Bestimmung der Profitrate zum einen, und der Berechnung der Produktionspreise auf der Basis der Wertausdrücke und der Mehrwertrate zum anderen. Um dabei einen Zirkelschluss zu vermeiden, dürfe diese Berechnung „nicht sukzessive, sondern (habe) simultan zu erfolgen.“ Insbesondere gelte, dass die Kostpreise ... nicht ... vor den Produktionspreisen bestimmt werden“ können. Eine Denkschule geht mit Blick auf die Resultate noch darüber hinaus. Quaas erklärt, dass die von Marx behaupteten Theoreme Wertsumme gleich Preissumme und Mehrwertsumme gleich Profitsumme bei einer konsistenten Transformationsmethode überhaupt nicht gleichzeitig gültig sein können. (Q140) Und alle diese Thesen gelten der Wissenschaft nach wie vor als großartige Erkenntnisse.

 

Diese vier Punkte werden in vielerlei Variationen wieder und wiedergekäut. Die meisten Theoretiker, die sich mit dem Trafo befassten, vertreten angeblich noch heute die Ansicht, dass Bortkiewicz’s alte Artikel noch immer einer sorgfältigen Lektüre standhielten. Das jedenfalls behauptet F. Quaas. Wir gehören freilich nicht dazu. Wir sind eher der Ansicht, dass sie nie sorgfältig gelesen wurden. Wir sind zu der Überzeugung gelangt, dass sein Transformationsschema großer Unsinn und dass die daraus abgeleiteten Erkenntnisse samt und sonders Käse sind.

 

Bortkiewicz beklagt, dass Marx die Elemente des konstanten und variablen Kapitals von der Transformation ausgeschlossen habe. Der Vorwurf entpuppt sich indes als reine Beckmesserei und lässt sich leicht durch den Hinweis entkräften, dass die Kostpreise sowohl durch transformierte als auch durch nicht transformierte Elemente des Kapitals dargestellt werden können. Das Marxsche Verfahren ist vollkommen richtig. Siehe (K1).

 

Zum zweiten zeigt sich, dass Bortkiewicz als einer der zehn größten Ökonomen den Unterschied zwischen variablem und konstantem Kapital nicht kapiert hat. Und weil er die Verwertungsfunktionen des Kapitals mit den Gebrauchswerten der Produktionsmittel verwechselt, gerät seine angebliche Lösung und vermeintliche Berichtigung des Marxschen Verfahrens zu dessen wüster Verballhornung.

 

Es sieht zwar auf den ersten Blick so aus, als ob die Preise in Bortkiewiczs Schema durch einen einheitlichen Aufschlag auf die Kosten gebildet werden, aber die Profitrate steht in keinem Zusammenhang mit der Ausbeutung, die Mehrwertrate ist nicht einheitlich, die Kosten sind stets zu niedrig, der Profit stets zu hoch. Bortkiewicz Preiskonstrukte erfüllen weder das Preisgesetz noch das Wertgesetz und können nicht durch bloße Umverteilung von Mehrwert zustande kommen. Dass sie obendrein die Reproduktionsbedingungen verletzen, erscheint daneben schon fast als nebensächlich.

 

Da die Preise das Wertgesetz nicht erfüllen, können sie nicht durch bloße Umverteilung des Mehrwerts entstehen, so dass das zentrale Anliegen von Marx schon im Ansatz konterkariert ist, im Gegensatz zur These von Quaas. Faktisch desavouiert Bortkiewicz überhaupt alle Begriffe und Erkenntnisse der Marxschen Theorie, dass nämlich die Verwertung des Kapitals nichts zu tun hat mit den Gebrauchswerten der Waren, deren Form es vorübergehend annimmt, dass variables Kapital nicht etwa wächst, indem es Lebensmittel verzehrt, sondern indem es sich gegen Arbeitskraft tauscht, die mehr Wert erzeugt, als die Reproduktion ihrer Lebensmittel erfordert, dass der Wert und daher auch der Mehrwert aus der Arbeit und nur aus der Arbeit kommen, dass der Profit umverteilter Mehrwert ist, und dass der kapitalistische Kostpreis der Produktionsmittel niedriger ist als deren wirklicher Preis. Da das Schema von Bortkiewicz also nicht die Bohne mit der Marxschen Theorie zu tun hat, geschweige denn ein Modell dieser Theorie ist, kann man von ihm absolut keine sinnvollen Rückschlüsse auf die Marxsche Preistheorie ziehen. Denn was kümmert es die stolze Eiche, wenn sich die Wildsau an ihr schubbert.

 

Da sich nun die Modellökonomie von Bortkiewicz mit den total fehlkonstruierten Preisen nicht reproduzieren kann, ist seine Preistheorie selbst außerhalb des marxistischen Kontextes völlig wertlos. Daher müssen auch alle weitergehenden Behauptungen der Wirtschaftswissenschaft als unbewiesen gelten. Das betrifft insbesondere die These, wonach das Marxsche Wertgesetz und das Preisgesetz der Wirklichkeit prinzipiell unvereinbar sein sollen, so dass die beiden Summensätze bei einer konsistenten Transformation nicht gleichzeitig gültig sein können. Wenn die Preise durch bloße Umverteilung des Mehrwerts gebildet werden, gilt das Wertgesetz notwendigerweise. Bortkiewicz hat nur bewiesen, dass das Wertgesetz bei seiner inkonsistenten Transformation verletzt wird. Unbegründet ist auch die Behauptung, dass die Kostpreise nicht idurch die Werte der Waren dargestellt werden dürfen, sowie die These, dass die Preise nur simultan mit den Preisen berechnet werden können. Die Begründung, dass die Preise nicht unmittelbar aus den Arbeitswerten berechnet werden dürfen, weil sonst „innerhalb ein und desselben Gleichungssystems die Inputs wertmäßig, die Outputs preismäßig ausgedrückt werden“ ist an Blödheit kaum zu überbieten. Selbstverständlich geht es nicht anders, und auch Bortkiewicz selbst macht es letztlich so. Ferner berechnet jeder Kapitalist seine Kostpreise vor den Produktionspreisen und daher kann die Theorie das selbstverständlich nachvollziehen, ohne Gefahr zu laufen, einem Zirkelschluss zu erliegen. Und ebenso selbstverständlich ist es, dass die Profitrate vor den Preisen bestimmt werden kann.

 

Kommen wir zum Schluss. Quaas hat aus der Diskussion des Transformationsproblems die folgenden Erkenntnisse gezogen: Ein vorrangig an Sachfragen orientierter und nicht primär ideologieträchtiger Umgang mit der Marxschen Theorie vermag zu Resultaten führen, die sowohl von marxistischer als auch von nichtmarxistischer Seite aus akzeptierbar sind, wenn sie logisch stringent und wissenschaftlich überzeugend vorgebracht werden. Soweit kann die Verblendung gehen. Quaas spottet ihrer selbst und weiß nicht wie. Ein vorurteilsfreier Umgang mit der Theorie von Marx erhellt, dass Bortkiewicz vollkommen Richtiges verworfen und durch sinnloses Zeug ersetzt hat. Was Quaas u.a. als vorurteilsfreie wissenschaftlich Untersuchung verkaufen, ist de facto die Erhebung von Irrtümern und Fehlern in Serie zu Dogmen. Es drängt sich daher der Verdacht auf, dass die bürgerliche Wissenschaft an einer sorgfältigen Analyse nicht im mindesten interessiert ist. Die vermeintliche Lösung von Boerkiewicz passt nämlich voll ins Konzept einer Wirtschaftswissenschaft, die sich von Anfang an gegen die Werttheorie positioniert hat und nur allzu gern nach allen Argumenten greift, die die Marxsche Theorie mit einem Schein von Wissenschaftlichkeit widerlegen. Wohin ihr wirkliches Interesse geht, erhellt aus den Thesen, womit sich ihre Vertreter profilieren. Zum einen gibt man sich überzeugt, dass eine korrekte Preistheorie konstruiert werden könne, ohne dass darin spezifische Aussagen über den Ursprung und die Natur des Profits enthalten sein müssen. (Q126) Zum anderen hat Samuelsen behauptet, dass Preissystem und Wertsystem unabhängig voneinander aufgebaut werden können (Q103), so dass dann die Werttheorie als redundant erscheinen muss.

 

Ladislaus von Bortkiewicz ist zwar de facto „der geistige Vater der langen Diskussion des Transformationsproblems“, aber das ist eher ein Fluch denn ein Verdienst. Ist es ihm doch in fataler Weise gelungen, durch sein mangelhaftes theoretisches Verständnis dieser pseudowissenschaftlichen Entwicklung Vorschub zu leisten, und die Auseinandersetzung mit der Marxschen Theorie nachhaltig in eine falsche Richtung zu lenken.